Triathlon: Faris Al-Sultan beim MTB-Training

Um seine Angst zu überwinden, hat sich Faris Al-Sultan Mountainbike-Nachhilfe geben lassen. Wir waren mit dem Hawaiisieger und dem Offroad-Spezialisten Mike Kluge im Gelände

von Sina Horsthemke

 

Rosinante hat noch mal Schwein gehabt. Das alte Mountainbike von Faris Al-Sultan musste doch nicht in den Zittauer Dreck. Fast hätte es auf seine alten Tage noch das ruppige Streckenprofil der ITU-Weltmeisterschaft im Crosstriathlon unter die porösen Stollenreifen bekommen – eine schlammige, anspruchsvolle Rennstrecke über 36 Kilometer rund um den Olbersdorfer See. Dann kam zwei Tage vor dem Rennen vom Sponsor ein neues Arbeitsgerät – gerade noch rechtzeitig.

„Meine alte Rosinante war zu ihrer Zeit eine echte Schönheit“, schreibt Al-Sultan beinahe entschuldigend auf seiner Website. „Aber auf technisch anspruchsvollen Bergabpassagen dachte ich im Training, sie bricht auseinander.“ Gegen das Rad, das dann geliefert wurde, kam Rosinante auch einfach nicht an: hippe 29 Zoll, eine elektronisch gesteuerte Federgabel, die modernste Schaltung – „ein brutales Teil, mit dem ich nicht auf die Schnauze, sondern über den Kurs fliegen werde“, war Al-Sultan begeistert. Dass er am Ende bei der Cross-Weltmeisterschaft im Zittauer Gebirge doch nur als 41. ins Ziel kam, begeisterte ihn weniger; zweistellige Platzierungen sieht man nur selten in der Erfolgsliste des Hawaiisiegers von 2005. Aber: „Es war ein Spaß. Die ersten acht Kilometer waren relativ einfach und bergauf. Danach ging es in den Schlamm, und jegliche sportlichen Ambitionen erstarben.“ Andererseits stand eine vordere Platzierung bei einem Crossrennen ja ohnehin nicht ganz oben auf Al-Sultans Wunschliste für die Saison 2014. Im Gegenteil: „Schlüsselbeinfreundliches Fahren“ war das Ziel für das Rennen in Sachsen und natürlich die Sache an sich: das Abenteuer im Dreck, die Abwechslung.

 

Mehr als nur Glückssache

Dass der Triathlonprofi tatsächlich ohne Schlüsselbeinbruch über die schwierige Radstrecke kam, hat er nicht nur seinem neuen Mountainbike, sondern auch Mike Kluge zu verdanken. Der dreifache Weltmeister im Cyclocross hatte Al-Sultan einen Monat vor dem Rennen Nachhilfe gegeben und dem Münchner bei einem ausführlichen Privattraining in Berlin gezeigt, dass Rosinante durchaus in der Lage ist, schwierige Passagen im Gelände zu meistern, ohne ihren Fahrer abzuwerfen. „Ob ich irgendwo lebend runterkomme, sollte keine Glückssache mehr sein“, begründet Al-Sultan die Aktion.

Eine gute Idee, sich vor einem Rennen im Gelände mit dem Thema Fahrtechnik auseinanderzusetzen. Noch besser war die, ausgerechnet Mike Kluge um Hilfe zu bitten: Wenn einer abseits von Wegen Rad fahren kann, dann er. Der 52-Jährige gewann in den 1980er-Jahren als Amateur einen Titel nach dem anderen und wechselte dann ins Profilager, wo die Erfolge nicht seltener wurden. Fünfmal hintereinander sicherte er sich auf dem Crossrad den Titel des Deutschen Meisters, 1993 folgte DM-Gold auf dem Mountainbike. Auch international bewies Kluge mehrfach, dass er zu den Besten gehört: Nach WM-Gold 1992 gewann er Weltcuprennen in Belgien und Italien und startete bei einigen Mountainbikemarathons, bei denen niemand schneller war.

 

Wie im Schwimm-Trainingslager

Es ist nicht so, dass Faris Al-Sultan vor diesem Zusammentreffen noch nie auf einem Mountainbike gesessen hätte. Zweimal schon war er beim Xterra-Rennen am Titisee angetreten, einmal hatte er das „Cape Epic“ überstanden, ein schwieriges Mountainbike-Etappenrennen in Südafrika. Doch all das war lange her, Rosinante längst verstaubt – und dann war da noch diese Angst. „Ich kann zweifelsohne feste treten und lasse die Leute auf dem Rennrad bergab einfach stehen. Aber sobald ich auf einem Mountainbike sitze, habe ich Todesangst“, gibt der Hawaiichampion zu. „Andere mögen sich sicherer fühlen darauf. Aber ich kriege sofort Hemmungen. Mike hat sich bestimmt gewundert, wie unsicher und ängstlich ich war.“ Hat er nicht.

Aber Mike hat das geändert. Zwei Tage lang hat sich der Cross-Spezialist Zeit genommen für Faris Al-Sultan und seine alte Rosinante, danach waren die beiden wieder ein halbwegs ein- gespieltes Team. „Man kann natürlich nicht innerhalb von ein paar Stunden zu einem besseren Radfahrer werden und die richtige Fahrtechnik sofort umsetzen“, so Al-Sultan. „Aber wenn man erst mal intellektuell verstanden hat, worum es überhaupt geht, dann kann man im Training damit arbeiten – wie nach einem Kurztrainingslager im Schwimmen. Ich habe jedenfalls eine Menge mitgenommen, und Mike hat mir in den zwei Tagen geballtes Wissen über Fahrtechnik und Ausrüstung vermittelt.“

 

Angstaustreibung am Teufelsberg

Der Berliner Teufelsberg an einem Wochenende Mitte Juli. Mike Kluge kann kaum hinschauen, wie unvorteilhaft Faris Al-Sultan auf seiner Rosinante hockt. Der Vorbau zu lang, die Reifen zu alt, der Luftdruck zu hoch – all das ist tatsächlich Grund, während der Fahrt Angst zu haben. „So wie ich es kannte, sitzt man heute jedenfalls nicht mehr auf dem Mountainbike“, so Al-Sultan später. „Und meine Reifen sind in Schräglage auf nasser Straße einfach weggerutscht.“ Dass das passiert, liegt nicht immer am Material, sondern oft am Druck. „Viele fahren im Gelände mit viel zu viel Reifendruck“, meint Kluge. Mehr als zwei Bar sollten es aber nicht sein, und im Idealfall ist vorn etwas weniger Luft drauf als hinten. „Für einen 75 bis 80 Kilogramm schweren Fahrer reichen 1,7 bis 1,8 Bar völlig aus, damit er das Rad auch in Schräglage gut unter Kontrolle hat.“ Ganz schön gewöhnungsbedürftig für einen Triathleten, der sonst mit aller Kraft acht oder mehr Bar in die Reifen seines Aerorenners drückt.

An Rosinantes Rahmengeometrie konnten Al- Sultan und Kluge jetzt, so kurz vor Beginn des dreckigen Crashkurses, natürlich nichts mehr ändern. Aber Kluge macht seinem Schüler schon jetzt eine Neuanschaffung schmackhaft: „Die Vorteile eines 29ers kann man erst ab einer Körpergröße von 1,78 Metern richtig nutzen. Faris, du würdest da wunderbar draufpassen.“ Gut. Dann jetzt los? Nein! Bevor Al-Sultan auf seinem alten Mountainbike vom Weg abkommt, legt Kluge ihm eine Rüstung an. „Wer lernen will zu fallen, sollte Protektoren anziehen“, ist der Cyclocross-Champion rigoros. „Damit man sich nicht jedes Mal wehtut.“ Und damit man lernt, wie sich Fallen überhaupt anfühlt. So könne man den Grenzbereich locker ausprobieren. Überhaupt sei es wichtig, sich im Training mit potenziellen Gefahrensituationen auseinanderzusetzen. „Wenn man weiß, was man dann machen soll, wie man zum Beispiel bei einem plötzlichen Ausweichmanöver sein Gewicht verlagern muss, ist man gleich viel sicherer unterwegs“, erklärt Kluge. „Beim Mountainbikefahren muss man die ganze Zeit extrem konzentriert sein. Zum Beispiel, wenn der Untergrund wechselt oder aus griffigem Boden plötzlich loser Schotter wird.“ Mit diesem letzten Tipp geht es endlich los.

Wenn auch noch nicht in schwierigem Gelände. Auf einem Schotterplatz lernt Al-Sultan zunächst das sichere Bremsen – wer sein Rad jederzeit zum Stehen bringen kann, verliert nämlich schon mal einen Teil seiner Angst. Kluge erklärt: „Angst verursacht Instabilität. Wenn man erst mal das Gefühl hat, jederzeit hart bremsen zu können, auch bergab, dann lässt in der Regel auch die Angst nach. Man muss dafür nur wissen, wie sein Rad funktioniert und wie man es auch in schwierigen Situationen abbremst.“ Das Problem: Viele haben vor hohen Geschwindigkeiten Angst. Aber ausgerechnet das Tempo sorgt auf dem Mountainbike für Sicherheit, auch in unwegsamem Gelände. Kluge vergleicht das Laufrad mit einem Kreisel: „Je langsamer der sich dreht, desto instabiler wird er.“ Auf dem Mountainbike sei es deshalb das A und O, die Bremsen zu beherrschen. Nur nicht in Schräglage, das wäre fatal. Da sollte man es lieber rollen lassen, „denn dann passiert alles langsamer, und man hat mehr Zeit, zu reagieren“. Im Stand hebt Kluge plötzlich Rosinantes Hinterrad hoch in die Luft. Al-Sultan, der sich dabei tapfer im Sattel hält, soll ein Gefühl dafür bekommen, ab wann er sich bergab überschlagen würde. Ziemlich spät eigentlich erst – da geht viel mehr, als er denkt.

 

Hawaii-Sieger am Idiotenhügel

Das gleiche wird dann an einem kleinen Hügel geübt, „am Idiotenhügel“, wie Al-Sultan sagt. Noch ein paar Mal Anfahren am Berg, dann geht es zurück ins Flache: Auf einem Schotter- weg feilen die beiden wieder an der allgemeinen Radbeherrschung. Al-Sultan soll Kreise fahren, die immer enger werden. Und danach einen Hindernisparcours aus Radflaschen im Slalomkurs überwinden – das Vorderrad soll links, das Hinterrad rechts an der ersten Flasche vorbeifahren, dann umgekehrt. Links, rechts, links, rechts – gar nicht so einfach! Und Kluge weiß auch, warum: „Viele können keine engen Kreise fahren, weil sie gar nicht wissen, dass das Vorderrad immer einen größeren Radius fährt als das Hinterrad.“ Was das bedeutet? „Dass das Hinterrad auch mal über einen Stein poltert, um den man das Vorderrad noch elegant herumgelenkt hat.“

Mountainbiken ist Ganzkörperarbeit: Man muss permanent mit seinem Körpergewicht agieren und es ganz bewusst verlagern können. Und die Position auf dem Sattel ist wichtig, schiebt Kluge noch nach: „Je weiter hinten man sitzt, desto besser läuft das Rad geradeaus. Und je weiter vorn man sitzt, desto schneller kann man um enge Kurven fahren.“ Das Problem beim Kurvenfahren: Wenn man zu schnell in die Neigung fährt, geht der Grip verloren. Dann zu bremsen, wäre fatal. Mike Kluges Tipp: „Wenn man den Schwerpunkt absenkt, kann man auch enge Kurven schnell durchfahren. Außerdem muss man stets vorausschauend fahren und dabei permanent nach Ausweichmöglichkeiten suchen.“ Ausweichen ist für Al-Sultan heute keine Option. Schnelle Wenden um 180 Grad, Sprünge über kleine Hindernisse und möglichst geschicktes Auf- und Absteigen stehen als nächstes auf dem Programm. Letzteres zu üben, täte vielen Triathleten gut, findet Al-Sultan. „Man muss sich ja nur mal an den Ausgang einer Wechselzone stellen – das ist zum Totlachen!“

 

Stürze ins Gebüsch

Ein Mountainbike heißt Mountainbike, weil man damit in den Mountains biket – und deshalb geht es jetzt für Al-Sultan an den Hang. Sein größtes Problem: die Überwindung. „Auf Breitreifen bin ich einfach nicht der Mutigste.“ Der wohl wichtigste Rat für alle, die auf dem Mountainbike oder Cyclocrosser weniger ängstlich sein wollen: Ruhe bewahren. Und zwar auch, wenn es mal brenzlig erscheint. Wenn etwa bergab das Hinterrad abhebe, erklärt Kluge, müsse man einfach schnell die Bremse öffnen – schon sei man raus aus der Überschlagssituation. „Da darf man sich vom ersten Schreck nicht übermannen lassen.“ Es folgen ein paar Stürze von Rosinante ins Gebüsch und weitere Tipps von Kluge, dann ist die Abfahrt, die eben so gefährlich aussah, kaum noch ein Problem für Faris Al-Sultan. Kluge ist zu- frieden mit seinem Schüler: „Jetzt fährt er schon viel kontrollierter als am Anfang. Es war wirklich schlau von ihm, mal so ein Fahrtechniktraining zu machen. Ich bin mir sicher, dass er sich auf dem Rad jetzt viel wohler fühlen wird.“
Der Münchner Profi sieht das genauso: „So ein Fahrtraining ist eine echte Bereicherung – für alle Triathleten. Es ist ja teilweise erschreckend, wie schlecht selbst gestandene Profis ihr Rad beherrschen. Die haben das teilweise überhaupt nicht unter Kontrolle.“ Einmal pro Woche will Al-Sultan nun Mountainbike fahren. Mit dem neuen 29er, nicht mehr mit Rosinante. Kluge ist erleichtert: „Mit der kann er höchstens noch Brötchen holen fahren.“

TOUR: So funktioniert ein sportärztlicher Check

Einmal im Jahr sollten Hobby-Radfahrer ihren Körper auf Belastbarkeit überprüfen lassen – erst recht, wenn sie an Wettkämpfen teilnehmen. Wir haben an der Uni München einen sportmedizinischen Check samt Laktattest absolviert
von Sina Horsthemke

 

Was gäbe ich jetzt für etwas Fahrtwind. Eine Brise im Gesicht, einen Windhauch auf der Stirn – zur Abkühlung! Aber nein. Kein Lüftchen ist zu spüren, obwohl ich mit einer Trittfrequenz von 78 Umdrehungen pro Minute energisch in die Pedale trete. Eine Schweißperle rinnt mir den Nasenrücken hinab und tropft auf den Linoleumboden. Meine Oberschenkel ziehen, die Schläfen pochen. Ich atme schwer und spüre, dass ich erröte. Wie ein Untrainierter, der nach Weihnachten auf die Idee kommt, joggen zu gehen.

Obwohl ich inzwischen fast mit aller Kraft trete, komme ich keinen Meter voran. Vor mir: das geschlossene Fenster. Neben mir: die medizinische Fachangestellte Kathrin Hedler vom Münchner Zentrum für Prävention und Sportmedizin am Klinikum rechts der Isar. Schon wieder bittet sie mich nun, den rechten Arm vom Lenker zu nehmen, damit sie meinen Blutdruck messen kann. Ausgerechnet jetzt! Längst brauche ich auch die Arme, um meinen Beinen für ihre Arbeit ein Widerlager zu bieten. Sonst kann ich die Kurbeln nicht mehr lange in der geforderten Frequenz kreiseln lassen. Als ich den Lenker für die Messung loslasse, protestiert meine Oberschenkelmuskulatur mit einem Brennen. Fühlt sich so Laktat an?

Laktat, das Salz der Milchsäure, produziert ein Muskel, wenn ihm bei der Arbeit zu wenig Sauerstoff zu Verfügung steht. Diesen bekommt er über das Blut, welches das Gas aus der Lunge im ganzen Körper verteilt. Bei großer Anstrengung reicht der Sauerstoff aus der Luft trotz stärkerer Atemarbeit nicht aus. Zwingt der Kopf die Muskeln dennoch zur Weiterarbeit, machen sie ohne Sauerstoff weiter – und dabei fällt eben Laktat an. Kommt der Körper mit dessen Abbau nicht nach, übersäuern die Muskeln und die Leistung bricht ein.

Ich strample auf diesem Ergometer, weil ich heute ganz genau wissen will, ab welcher Belastung meinen Muskeln der Sauerstoff ausgeht, schlicht gesagt: wie fit ich bin. Gerade denke ich: nicht besonders. Ich versuche, das Brennen in den Beinen zu ignorieren, doch binnen der nächsten zwei Minuten sinkt meine Trittfrequenz auf 60, obwohl ich mit aller Kraft dagegen arbeite. Mein Puls rast, die Lunge brennt, die Oberschenkel beginnen zu zittern. Ich gebe auf. Das war’s – mehr geht nicht. Während der Schmerz nachlässt und ich wieder zu Atem komme, drückt Kathrin Hedler auf meinem Ohrläppchen herum. Ein Tropfen Blut verschwindet im Teströhrchen. Das Messgerät zeigt später an: Er enthält umgerechnet elf Millimol Laktat pro Liter. Der Beweis, dass mein Muskelstoffwechsel am Limit war.

 

EINMAL IM JAHR ZUM CHECK

Warum ich mir das antue? Weil ich sichergehen will, dass mein Training keinen Schaden anrichtet. Meine letzte sportärztliche Untersuchung liegt einige Jahre zurück. Bevor ich mich für die kommende Saison wieder ins Training stürze, sollen Ärzte prüfen, ob mein Herz und mein Kreislauf intensiven sportlichen Belastungen noch gewachsen sind. Zudem brauche ich meine aktuelle Form schwarz auf weiß, weshalb ich zusätzlich zur Basis­Untersuchung einen Laktattest gebucht habe. Er soll zeigen, was im Winter zu tun ist, wenn ich 2019 fit am Start stehen möchte.

„Hobbysportlern, die an Wettkämpfen teilnehmen, empfehlen wir eine sportärztliche Basisuntersuchung einmal pro Jahr, wahlweise mit zusätzlicher Laktat­Leistungsdiagnostik“, sagt Dr. Katrin Esefeld. Die 36­Jährige ist Funktionsoberärztin am Münchner Zentrum für Prävention und Sportmedizin, wo ich soeben den Fußboden vollgeschwitzt habe. Auf dem Rad macht der zweifachen deutschen Meisterin im Duathlon kaum eine etwas vor. Wie schon mehrere Male schaffte sie es auch 2018 beim Ironman Hawaii, der Weltmeisterschaft der Triathleten, aufs Podium ihrer Altersklasse – auch dank eines starken Radsplits, wie die Triathleten die 180 Kilometer nennen.

Dr. Esefeld, Sportmedizinerin und Fachärztin für Innere Medizin, weiß genau, dass eine ver­säumte Herzuntersuchung im schlimmsten Fall fatale Folgen hat: „Unter intensiver Belastung können ein unentdeckter Klappenfehler oder ein verschleppter Infekt zum plötzlichen Herztod führen.“ Fast 60 Sportler, meist Läufer oder Fußballspieler, sterben allein in Deutschland jedes Jahr daran. Die meisten sind ambitionierte Hobbyathleten. Ab dem 35. Lebensjahr ist es vor allem die koronare Herzkrankheit, die für Todesfälle im Sport verantwortlich ist. Bei Jüngeren liegen meist Herzmuskelerkrankungen zugrunde, angeborene Fehlbildungen der Gefäße oder Herzmuskelentzündungen. In Ländern wie Italien und Frankreich sind Hobbysportler deshalb längst verpflichtet, vor dem Start bei etwa einem Radmarathon die Bescheinigung eines Sportmediziners vorzulegen, dass sie der Belastung gewachsen sind. In Deutschland sind sportärztliche Gesundheits­Checks freiwillig. Obwohl immer mehr Krankenkassen die Kosten für die Basis­Untersuchung zumindest teilweise übernehmen, lässt sich aber nur jeder zweite Ausdauersportler durchchecken.

So wie ich – die vor dem Belastungstest schon mit Maßband, Waage und Körperfett­Zange Bekanntschaft gemacht hat. Aus Körpergröße und Gewicht errechneten die Ärzte meinen Body­Mass­Index, aus Bauch­ und Beckenumfang einen Taillen­Hüft­Quotienten von 0,77. Und die Caliperzange biss schonungslos in jede noch so kleine Speckrolle an Trizeps, Bizeps, Brust, Bauch, Oberschenkel, Achselhöhle, Schulterblatt und Taille. Acht Werte, aus denen sich danach mein Gesamtkörperfettanteil ergab. Was ebenfalls zum Basis­Check gehört: eine Blutanalyse, die Messung des Blutdrucks in Ruhe und ein sogenanntes Ruhe­EKG, bei dem Elektroden auf dem Oberkörper die elektrische Aktivität des Herzmuskels im Liegen messen.

Heraus kommt eine Kurve mit regelmäßigen Zacken – doch meine hat eine zu viel. „Das ist ein inkompletter Rechtsschenkelblock“, sagt Dr. Annika Hackemann, die mit mir das EKG­bespricht. Sie deutet mit der Spitze ihres Kugelschreibers auf eine kleine Zacke am Ende jedes Herzschlages. Wie bitte? Bin ich doch nicht sporttauglich? Ist mein Herz krank? Dr. Hackemann, selbst Radfahrerin, beruhigt mich: „Das haben Sportler oft. Durch das regelmäßige Ausdauertraining wird die rechte Herzhälfte mehr beansprucht als bei Nichtsportlern. Dies führt zu Veränderungen im EKG.“ Ein Drittel aller Ausdauersportler, lese ich später, weist aufgrund des regelmäßigen Trainings solche EKG­Veränderungen auf. Der inkomplette Rechtsschenkelblock, wie ich ihn habe, ist häufig, aber harmlos. Zum Glück zeigt auch die abschließende Ultraschall­Untersuchung, dass mit meinem Herzen alles in Ordnung ist.

 

BEI RADRENNEN IM MITTELFELD

Doch wie fit ist es nun, mein Herz? Wie trainiert ist mein Stoffwechsel in der Muskulatur? Meine sogenannte anaerobe Schwelle, das hat die schweißtreibende Ergometer­Fahrt ergeben, liegt derzeit bei schlappen 137 Watt. Wenn ich die trete, zirkulieren in jedem Liter meines Bluts konstant zwei Millimol Laktat. Eine Belastung, die ich eine Weile durchhalten könnte. Damit bin ich zwar fitter als 93 Prozent der Frauen in meinem Alter, versichert mir Sportmedizinerin Dr. Esefeld bei der Abschlussbesprechung. Verglichen mit Radsportlerinnen, die Rennen fahren, ist das jedoch gerade mal „im Mittelfeld“.

Um weiter vorn zu landen, empfiehlt mir Dr. Esefeld drei bis vier Trainingseinheiten pro Woche, davon zwei im Grundlagenbereich, eine gespickt mit Intervallen. „Wenn man sich verbessern will, muss man schon jeden zweiten Tag einen Reiz setzen“, sagt sie. Ich bin hoch motiviert, das zu tun. Und mein Herz, das weiß ich nun, wird gefahrlos mitmachen. In ihrem Bericht zur Untersuchung bestätigt Dr. Esefeld schwarz auf weiß: „Aus sportkardiologischer Sicht bestehen keine Einwände gegen die Fortführung des Trainings.“ Na, dann: los!

FOCUS Business: Über ehemalige Spitzensportler im Management

Weltklasse im Sport gleich Weltklasse im Büro? Immer öfter geht diese Formel auf. Was Unternehmen und Wirtschaft von Top-Athleten lernen können
von Sina Horsthemke

 

Wenn für Thomas Lurz ein Wettkampf so richtig begann, war er bereits bei Kilometer neun. Das Ziel kam mit jedem Kraulzug näher, er setzte sich an die Spitze. Das war seine Taktik, denn er wusste genau: Auf einen Endspurt durfte er es nicht ankommen lassen. „Ich war kein guter Sprinter und musste meine Gegner immer schon vorher müde schwimmen.“ In dieser Phase eines Freiwasserwettkampfs fokussiert zu bleiben, die Nerven zu behalten und trotz brennender Arme keinen Fehler zu machen – das war die Stärke des zwölffachen Weltmeisters. Wusste Lurz, dass ihn niemand mehr einholen kann, vergaß er die Schmerzen. „Kurz vor dem Ziel habe ich oft die größte Selbstzufriedenheit empfunden, manchmal mehr als bei einer Siegerehrung“, sagt der 38-Jährige. „Für diese Momente habe ich trainiert.“
Um sich auf Weltmeisterschaften und Olympische Spiele vorzubereiten, verbrachte Lurz jeden Tag bis zu fünf Stunden im Wasser – rund 24 Kilometer. Dazu noch eine Stunde Kraft- oder Ausdauertraining an Land. Heute, drei Jahre nach der Karriere, profitiert ein Modeunternehmen von seinem Durchhaltevermögen. Als Business Developer erschließt Deutschlands erfolgreichster Schwimmer neue Geschäftsfelder für s.Oliver.

 

Vom Ruderboot zum Filzstift-Giganten
Auf den ersten Blick hat das Modeunternehmen mit einer Wirtschaftsberatung und einem Filzstift-Giganten nicht viel gemeinsam. Doch auch KPMG und Edding beschäftigen ehemalige Spitzensportler: Die zweifache Europameisterin im Hockey, Eileen Hoffmann, arbeitet als Beraterin bei KPMG. Eddings operatives Geschäft führt ein erfolgreicher Ruderer – Thorsten Streppelhoff, der mit dem Deutschland-Achter zwei olympische Medaillen und WM-Gold gewann.
Sind Spitzenathleten die besseren Manager? Fest steht: Viele, die eine erfolgreiche Athletenkarriere hinter sich haben, starten danach in der Wirtschaft durch. Dass sich eine Leistungssportkarriere positiv auf den Erfolg im späteren Beruf auswirkt, belegten Hamburger Ökonomen 2015 mit Zahlen: Bis zu 780 Euro höher ist das durchschnittliche Monatsnettoeinkommen ehemaliger Sportler verglichen mit Nichtsportlern. Als Gründe führen die Wissenschaftler Charaktereigenschaften wie Ehrgeiz, Disziplin und Durchhaltevermögen an. Dass in Leistungssportlern Potenzial für die Wirtschaft steckt, beginnen Unternehmenslenker und Personaler mehr und mehr zu begreifen.

 

Kennwort-Bewerbung für Sportler
Einige Firmen, die das Personalpotenzial aus der Sportwelt für sich entdeckt haben, änderten in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Sporthilfe sogar ihr Bewerbungsverfahren. Sie richteten die sogenannte Kennwort-Bewerbung ein, um Chancengleichheit zu wahren. Die Recruiter kennen dadurch die besonderen Umstände, wenn sie die Unterlagen eines Top-Athleten erstmals bewerten. „Wenn jemand nur ein Dreier-Abi hat, weil er schon als Jugendlicher täglich stundenlang trainiert hat“, erklärt Sascha L. Schmidt, Professor für Sport und Management in Düsseldorf, „wirkt sich das dann nicht nachteilig aus.“ Auch fehlende Praktika oder längere Studienzeiten werten viele Firmen bei Sportlern nicht mehr als Nachteil. Die Telekom, die Lufthansa, die Deutsche Bank, die Post und Mercedes-Benz haben die Kennwort-Bewerbung bereits eingeführt. Der Stuttgarter Automobilhersteller bietet zudem deutschlandweit auf Sportler zugeschnittene Ausbildungsplätze an.
Einen ehemaligen Spitzensportler im Unternehmen zu haben bringt Vorteile mit sich. „Doch Athleten müssen anders eingearbeitet werden, wenn sie neu in ein Unternehmen kommen“, sagt Schmidt, Leiter des Center for Sports and Management (CSM) an der WHU – Otto Beisheim School of Management. „Das muss Personalern und Vorgesetzten klar sein, damit es nicht zum Realitätsclash kommt.“ Trainingspläne, Wettkampftermine, Ergebnisse – die meisten Sportler kommen aus einem sehr strukturierten Umfeld. „Im Betrieb ist jedoch nicht immer alles planbar. Darauf sind viele Athleten nicht vorbereitet“, so Schmidt. Sie seien es zudem gewohnt, immer direkt Feedback zu bekommen: vom Trainer, ihrer Pulsuhr oder der Anzeigetafel am Schwimmbeckenrand. Im Berufsalltag könne eine Rückmeldung aber auch mal auf sich warten lassen, sagt der Wirtschaftsexperte. „Das erfordert eine gewisse Anpassungszeit und ein sensibles Umfeld.“

 

Umfrage unter deutschen Top-Athleten
Eine große deutsche Studie zeigt aber auch: Nicht alle Fähigkeiten, die einen Olympiasieger ausmachen, helfen ihm nach der Sportkarriere in der Wirtschaft. Es ist wichtig, Sportler-Stärken zu definieren. Sascha L. Schmidt hat mehr als 1000 deutsche Top-Athleten befragt und ihre Persönlichkeitsmerkmale mit denen von Fachkräften verglichen. Er stellte drei Bereiche fest, in denen Sportler Vorteile haben: Engagement, Disziplin und mentale Stärke. Alle drei sind in Unternehmen gefragt und wichtig für beruflichen Erfolg. „Dass ehemalige Athleten generell die Besseren im Job sind, kann ich so aber nicht bestätigen“, schränkt Schmidt ein. Schließlich könnten auch sie ihr Potenzial nur ausschöpfen, wenn die Position zu ihren Stärken passt. Und das hängt stark von der individuellen Persönlichkeit ab.
Katja Weber, die eher noch unter ihrem Mädchennamen Seizinger bekannt ist, spielt ihre Stärken heute als Aufsichtsratsvorsitzende der Badischen Stahlwerke und der Südweststahl AG aus. Im Jahr 1999 war die beste deutsche Skirennfahrerin aller Zeiten vom Sport zurückgetreten. 36 Weltcup-Siege und dreimal olympisches Gold lautet ihre stolze Ski-Bilanz. „Der Neuanfang nach einer erfolgreichen Sportlerkarriere erfordert Geduld“, sagt die heute 46-Jährige. Doch ihre Zielstrebigkeit und ihr Durchhaltevermögen seien bei ihrer zweiten Karriere nützlich gewesen. „Zudem habe ich als Sportler gelernt, mit Misserfolgen und Fehlentscheidungen umzugehen.“

 

Im Alleingang die dicksten Bretter
Ski-Legende Weber gehört für CSM-Direktor Schmidt klar in die Kategorie, die er Meister aller Klassen nennt. Der Wirtschaftswissenschaftler, der die erste Studie „Kollege Spitzensportler“ 2013 veröffentlichte und nun an einem zweiten, umfangreicheren Teil forscht, hat vier Sportlertypen herausgearbeitet. Die Meister aller Klassen, zu denen knapp 30 Prozent der Sportler zählen, sind laut Schmidt „ein goldenes Segment, das für jede Firma interessant sein dürfte“. Athleten der anderen drei Kategorien, die Schmidt und sein Team erstellt haben, sind ebenfalls überdurchschnittlich erfolgreich – sofern sie einen Job finden, der zu ihren Stärken passt. Viele, die etwa zu den Einzelgängern gehören, so der Wirtschaftsexperte, seien eben nicht unbedingt fähig, ein großes Team zu führen. „Doch sie können sich besonders gut durchkämpfen und im Alleingang die dicksten Bretter bohren.“
Von einem ganz anderen Schlag sind die Teamplayer, die laut Schmidt 28 Prozent ausmachen. Sie stellen ihre Mannschaft über alles. Im Beruf macht sie das bei Kollegen beliebt und ist in vielen Positionen von Vorteil – hat aber Tücken: „In der Wirtschaft steht der Einzelerfolg nicht immer hinter dem Teamerfolg“, so Schmidt. Den Teamplayern fehle oft die Kaltschnäuzigkeit, um sich im Machtgefüge hierarchisch geführter Unternehmen zu behaupten. Das Gegenstück des Teamplayers ist nach Schmidts Erhebungen der Kämpfer. Nur 16 Prozent der Sportler gehören in diese Kategorie – beispielsweise Profiboxer wie Henry Maske oder Vitali Klitschko. Nicht nur, weil sie sich im Ring durchgeboxt haben, sondern wegen ihres beruflichen Erfolgs: Maske betreibt heute als Franchise- Unternehmer zehn McDonald’s-Filialen und führt rund 350 Mitarbeiter. Klitschko hat in der Ukraine die Partei UDAR gegründet und ist amtierender Bürgermeister der Hauptstadt Kiew.

 

Führungsvorbild Fußball
Neben Personalern sollten sich auch Führungskräfte stärker damit auseinandersetzen, welcher Mitarbeiter in welcher Position am besten aufgehoben ist, mahnen Experten an. Wolfgang Jenewein rät, sich an Fußballtrainern zu orientieren. Der Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen in der Schweiz ist überzeugt: „Was die Führungskultur betrifft, sind Fußballteams unseren Unternehmen um fünf Jahre voraus. Mindestens.“ Großkonzerne wären erfolgreicher, wenn ihre Führungskräfte mehr wie Fußballtrainer handelten und sich wie ebenjene als Vollzeit-Leader verstünden. „Chefs verbringen viel zu wenig Zeit mit Führen“, so der 49-jährige Jenewein. „Zu 85 Prozent erledigen sie andere Dinge. Ein Fußballtrainer dagegen ist viel bemühter darum, jeden Tag die Mannschaft besser zu machen.“ Er schaue lieber, wer ins Team passe und welche Aufgabe er dort mit seinen Stärken am besten erfüllen könne – statt selbst die Stollenschuhe zu schnüren und Tore zu schießen.
Das Konzept des Spielertrainers, also eines Coaches, der selbst mitspielt und Tore erzielt, war lange nichts Ungewöhnliches. Doch je professioneller der Sport wurde, desto eher erkannten die Verantwortlichen: Ein Team hat mehr Erfolg, wenn der Trainer an der Seitenlinie steht und seine gesamte Energie in das Führen der Mannschaft steckt. Wenn er motiviert, inspiriert, Konflikte löst, Leidenschaft erkennt und Möglichkeiten schafft, statt mitzuspielen. Jenewein ist sicher: „Für die Wirtschaft schlummert in diesem Gedanken ein Riesenpotenzial. Unternehmen, die das wachküssen, können sich jede Restrukturierungsmaßnahme sparen.“

 

Meutern auf dem Segelboot
Auch der Professor aus der Schweiz ist überzeugt, dass ehemalige Spitzensportler in einer zweiten Karriere von ihren speziellen Fähigkeiten profitieren. Sie könnten nicht nur besser mit Niederlagen umgehen, sondern hätten ein besseres Bewusstsein für die eigene Verantwortung, so Jenewein: „Während sich viele Arbeitnehmer gern beklagen, über den Chef schimpfen und die Schuld bei anderen suchen, haben Sportler schon als Kind gelernt, dass sie selbst die bewegende Kraft sind. Und dass sie nicht passiv werden dürfen, wenn sich etwas ändern soll.“ Was Sportler außerdem wissen: Wer vorankommen will, braucht Ziele. „Leider gibt es wenige Chefs, die das aktiv fördern“, so Jenewein. „Ein Fußballtrainer versucht vor jedem Spiel, inspirierend und motivierend aufzutreten und seiner Mannschaft das Warum zu erklären. Doch in Unternehmen ist es oft wie auf einem Segelboot: Das Boot ist toll, das Team ist toll, aber leider fehlen der Wind und eine klare Richtung, und die Leute beginnen zu meutern.“
Dass viele Chefs so sind, wie sie sind, liege kaum an ihnen selbst, meint Jenewein. Die Strukturen seien schuld – schließlich sei der Grund für eine Beförderung meist das Fachwissen und nicht ein ausgeprägtes Interesse an Menschen. „Wir müssen Geduld haben mit unseren Führungskräften“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler. „Wenn Unternehmen in Zukunft nicht nur auf Ingenieurskunst setzen, sondern auf Kulturentwicklung und ein Mitdenken auf allen Ebenen zulassen, sehe ich riesige Chancen.“

Schwäbische Zeitung: Häufige Sportverletzungen

Sport birgt immer auch ein Verletzungsrisiko. Was nach einem Unfall zu tun ist und wie Sie wieder auf die Beine kommen

von Sina Horsthemke

 

Ein unbedachter Schritt beim Joggen, ein Zusammenprall auf dem Fußballplatz, ein Sturz vom Rad: Unfälle beim Sport passieren schnell. Mehr als 4.000 Sportler verletzen sich Schätzungen zufolge jeden Tag in Deutschland. Ein Drittel der Schäden erleidet das Sprunggelenk, jede fünfte Verletzung betrifft das Knie. Vor Unfällen ist fast kein Sportler gefeit: Nur gut jeder vierte hat sich noch nie etwas getan.

Orthopäde Dr. Peter Schäferhoff ist Mannschaftsarzt des 1. FC Köln. Er kennt die klassischen Fußball-Schäden – Meniskusverletzungen, Kreuzbandrisse und Zerrungen hat er schon zuhauf behandelt. Obwohl das Kreuzband das Knie stabilisiert, muss es bei einem Riss nicht immer auf dem OP-Tisch geflickt werden, sagt der ärztliche Direktor der Kölner MediaPark Klinik. „Ist jemand älter als 60 und sitzt in seiner Freizeit eher auf dem Sofa, dann macht sein Knie das mit.“ Es seien auch die Ambitionen des Sportlers, die mit darüber entscheiden, wie seine Verletzung zu behandeln ist.

 

Früher mit Gips im Krankenhaus

Entscheiden sich Arzt und Patient für eine Operation, schneiden Ärzte heute so wenig wie möglich und operieren so schonend, dass der Sportler bald wieder auf die Beine kommt. Meist beginnt bereits am Tag danach der Wiederaufbau mit Physiotherapie. „Früher lagen die Leute nach einer Kreuzband- OP sechs Wochen lang eingegipst im Krankenhaus“, erzählt Schäferhoff.

Am Klinikum Osnabrück operiert sein Kollege Prof. Dr. Martin Engelhardt zahlreiche Sportlerknie. Der Chefarzt der Klinik für Orthopädie, Unfall- und Handchirurgie hat es aber auch mit Überlastungsverletzungen zu tun und behandelt etwa die Knorpelschäden oder Achillessehnen von Langstreckenläufern und Triathleten, die sich im Training übernommen haben. „Sehnen und Knorpelgewebe brauchen Zeit, um sich an sportliche Belastungen zu gewöhnen“, so der Unfallchirurg. Deshalb sollten gerade Ausdauersportler den Trainingsumfang nur langsam steigern. Ein bis zwei Jahre Training empfiehlt Engelhardt zum Beispiel jenen ab 40, die einen Marathon laufen möchten.

Wer das nicht beherzigt, riskiert etwa eine Achillessehnenentzündung. Deren Heilung ist langwierig und dauert mit der richtigen Therapie „so lange, wie der Sportler die Beschwerden schon hatte“, sagt Engelhardt, der exzentrisches Krafttraining und Stoßwellentherapie zur Behandlung empfiehlt.

 

Schulter in Gefahr

Jeder dritte Deutsche liebt das Radfahren. Statistisch gesehen ein sicherer Sport: Während 1.000 Stunden Radfahren kommt es lediglich zu zwei Verletzungen. Das ist viermal weniger als beim Fußballspielen entstehen. Am häufigsten sind Schürfwunden und Prellungen durch Stürze vom Rad, aber auch die Schulter ist gefährdet: Die Schultereckgelenkssprengung gehört zu den häufigsten Radfahrerverletzungen. Das Gelenk verbindet Schulterblatt und Schlüsselbein und ist in Gefahr, wenn ein Radfahrer auf die Seite fällt. „Dann können die Bänder des Schulterdachs reißen“, erklärt Wolfgang Nebelung, Chefarzt der Sport-orthopädie am Marienkrankenhaus Kaiserswerth in Düsseldorf. Der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie hat schon viele Schultern operiert, um das Gelenk wieder in die korrekte Position zu bringen. Acht Woche nach dem Eingriff sei die Schulter „wieder belastbar“, für Wettkampfsport tauge sie frühestens nach drei Monaten wieder.

Kommt es beim Sport zu einem Unfall, sind Athleten in der Regel mit der PECH-Regel gut beraten. Sie ist die Erste-Hilfe-Regel für Sportler und steht für: Pause, Eis, Compression, Hochlegen. Der Verletzte sollte die Belastung abbrechen, die lädierte Stelle kühlen, einen Druckverband anlegen und den Körperteil hochlegen. Dies verhindert Schwellungen und lindert Schmerzen. Danach braucht es vor allem Zeit, um eine Verletzung ausheilen zu lassen. Damit dabei nicht zu viele Muskeln schwinden, empfehlen sich gelenkschonenden Sportarten wie Aquajogging. Und das Trainieren der unverletzten Seite: Studien belegen einen „Cross-over-Effekt“, von dem auch die Muskeln der verletzten Seite profitieren.

 

Angst erhöht das Risiko

Wie verletzungsanfällig ein Sportler ist, hängt viel von seiner Fitness ab – und auch von seinem Erbgut: Möglicherweise könnte ein Gen, das die Kollagenproduktion ankurbelt, das Risiko von Bänderrissen und Sehnenreizungen verringern. Ein anderes könnte die Heilungsdauer beeinflussen, vermuten Forscher. Was ebenfalls wissenschaftlich erwiesen ist: Die Angst vor Verletzungen führt zu Unfällen.

Nicht jeder Unfall lässt sich verhindern, vorbeugen können Sportler der einen oder anderen Verletzung aber schon: Indem sie ihr Training klug aufbauen, sich realistisch einschätzen und die Belastung langsam steigern. Eine gute allgemeine Fitness, eine saubere Technik und gründliches Aufwärmen tragen zum Verletzungsschutz bei. Sinnvoll ist ebenso, bei Beschwerden – und damit drohenden Überlastungsschäden – frühzeitig einen Physiotherapeuten oder Trainer um Rat zu fragen. Beide können Schwachstellen finden und Übungen zeigen, die muskuläre Defizite wirksam beheben.

Tour: Wie Radfahrerinnen richtig und schmerzfrei sitzen

Sie sprechen oft nicht darüber, doch Fakt ist: Die meisten Rennradfahrerinnen leiden unter Sitzbeschwerden. Zum Glück gibt es Lösungen.
von Sina Horsthemke

Für den Allerwertesten und seine Umgebung ist Radfahren selten ein Vergnügen: Auf wenigen Quadratzentimetern des Körpers lastet ein Großteil seines Gewichts. Druck herrscht dort, wo niemand gern Druck verspürt. Und Reibung am Sattel lässt die Haut an besonders sensiblen Stellen leiden.

„Fast alle Frauen, die zu uns kommen, haben Sitzbeschwerden“, sagt Britta Thomas-Neue, Bikefitterin bei Cyclefit.de inBensheim. „So ein Fahrradsattel hat für die weibliche Anatomie eine denkbar unglückliche Form: Die Sattelnase übt Druck aufs Weichgewebe aus, also Schamlippen und Klitoris.“ Wer sich in diesem sensiblen Bereich wundfahre, so Thomas-Neue, habe nicht nur Schmerzen beim Fahren, „sondern auch lange danach“. Problematisch seien zudem Druckstellen an den Schambeinkufen. Diese bilden im Frauenbecken einen größeren Winkel als bei Männern. Dadurch liegt der Schambeinbogen tiefer, wodurch die Weichteile mit großer Wahrscheinlichkeit Quetschungen ausgesetzt sind. „Legen Frauen mehr als 8.000 Kilometer im Jahr zurück, können hartnäckige, irreversible Schwellungen seitlich der Vulva am Übergang zum Bein entstehen“, sagt Britta Thomas-Neue. Mancher Profifahrerin blieb nichts anderes übrig, als sich operieren zu lassen, weil das geschwollene Gewebe die Beinvenen abdrückte.

„Männer gut aufs Rad zu setzen, ist für uns Fitter einfacher“, sagt die Expertin, die selbst seit ihrer Jugend Rad fährt. „Hoden und Penis lassen sich verschieben, wenn es irgendwo drückt. Bei Frauen aber verschiebt sich gar nichts.“ Schmerzen, Entzündungen, Taubheitsgefühle und Funktionsstörungen beim Sex und Wasserlassen sind die Folge.

 

Was Sattel und Co. anrichten können

Außerdem leidet die Haut. „Für sie ist die Reibung problematisch“, sagt Prof. Dr. Swen Malte John, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für interdisziplinäre Dermatologische Prävention und Rehabilitation an der Universität Osnabrück. Der Dermatologe, der früher das Team T-Mobile betreute, ist selbst Radsportler und weiß, was Sattel, Sitzpad, Schweiß und die monotone Bewegung zwischen den Beinen anrichten können.

„Meist beginnen die Beschwerden mit Wundsein.“ Dringen dann Bakterien in die Haut ein, kommt es zu Haarbalgentzündungen, aus denen sich bis zu zwei Zentimeter große Abszesse entwickeln können. „Die sind sehr schmerzhaft und gehören in ärztliche Behandlung“, so John. Wundgeriebene Haut ist auch für (Hefe-)Pilze eine Eintrittspforte: „Diese fühlen sich im feucht-warmen Klima einer Radhose besonders wohl“, so John. Beginnende Pilzinfektionen erkennen Fahrerinnen an geröteten Höckern auf der Haut, „die jucken und brennen und manchmal Eiter absondern“.

Nicht selten fangen sich Frauen beim Radfahren auch Harnwegsinfekte ein. „Das Sitzen auf dem Sattel massiert die eigenen Darmkeime regelrecht in die Harnröhre“, erklärt der Arzt. Frauen, die wissen, dass sie empfindlich sind, sollten viel trinken, um die Blase öfter durchzuspülen, so John.

Hautverletzungen, Schmerzen, neurologische Störungen – dass Rad fahrende Frauen mindestens genauso oft Sitzprobleme haben wie Männer, haben Studien längst bewiesen. Bis zu 40 Prozent des Körpergewichts lasten beim Fahren auf ihrem Genitalbereich. Zwar leiden jüngere ambitionierte Radsportlerinnen meist noch nicht unter bleibenden Schäden, das fanden New Yorker Wissenschaftler heraus. Doch verglichen etwa mit Läuferinnen zeigten sie schon bei einem Wochenumfang von rund 160 Kilometern bereits deutliche Empfindungsstörungen an Schamlippen, Vagina und Klitoris.

 

Die Dinge beim Namen nennen

Um dem Druck im Genitalbereich auszuweichen, finden viele Frauen eine eigene Lösung, weiß Bikefitterin Britta Thomas-Neue: „Sie rutschen auf dem Sattel ganz weit nach hinten und kippen ihr Becken, als würden sie auf einem Stuhl sitzen.“ Diese Sitzposition sei zwar schonender für die Weichteile, „ist allerdings alles andere als optimal, wenn man Leistung
auf die Straße bringen möchte“. Stellen die Frauen das Becken auf, wird ihnen das ganze Rad zu lang, woraufhin sie oft einen kürzeren Vorbau montieren – „und schon ist die ganze Fahrstabilität im Eimer“, so Thomas-Neue. „Diese Mädels sitzen zu weit hinter dem Tretlager und bekommen keinen Druck mehr aufs Pedal.“

Also muss ein anderer Sattel her? Schließlich gibt es zahllose Sättel, mit denen Hersteller versuchen, Sitzprobleme zu lösen. Das könne helfen, sagt die Bikefitterin. „Oft ist es aber gar nicht der Sattel, sondern eher dessen Position und das Drumherum.“ Sitzt der Sattel beispielsweise zu hoch, erzeugt das Druck im Schritt. Auch die falsche Kurbellänge kann zu Sitzproblemen führen. „Eine lange Kurbel verlangt mehr Kniehub. und der resultiert in Reibung an den Kontaktpunkten des Sattels.“ Ebenso müsse man bei Sitzproblemen auch auf die Füße schauen: „Oft montieren Frauen die Pedalplatten zu weit vorn, das macht die Füße instabil“, berichtet Thomas-Neue. „Kippen diese in der Druckphase nach innen, rutscht der Ansatz der inneren Oberschenkelmuskulatur jedes Mal über die Sattelkante
und erzeugt Reibung.“

Etliche Radsportlerinnen kommen mit V-förmigen Sätteln gut zurecht, die eine geteilte Sitzfläche oder eine Aussparung haben, ergaben Ergonomie-Studien mit Vielfahrerinnen. Druckmessungen belegen, dass so eine Sattelform das Weichteilgewebe schont und die Belastung dann eher auf den knöchernen Strukturen liegt. „Doch den einen Sattel für Frauen gibt es nicht“, sagt Thomas-Neue. Statt auf das Marketing von Herstellern hereinzufallen oder sich lediglich auf den Abstand der Sitzbeinhöcker zu berufen, den viele Händler beim Sattelverkauf immer noch als einzige Größe heranziehen, sollten sich Frauen zusätzlich
fragen: „Wie sehe ich untenherum aus und welcher Sattel könnte dazu passen?“

Anders gefragt: Bin ich ein „Innie“ oder ein „Outie“? Bei Outies liegen die inneren
Schamlippen und die Klitoris außerhalb, treten also zwischen den äußeren Schamlippen hervor – und können dadurch eher eingequetscht werden. Bei „Innies“ liegen Klitoris und innere Schamlippen zwischen den äußeren verborgen. Das Risiko für Sitzprobleme ist dann geringer. Für Outies eignen sich Studien zufolge breitere Sättel mit Druckreduzierung in der Mitte, Innies können schmalere Sättel mit abgerundeten Kanten fahren.

 

Radfahren muss nicht wehtun

Klingt einfach, ist aber oft schwierig – besonders im Beratungsgespräch, so Britta Thomas-Neue. „Wenn Frauen berichten, ihnen tue beim Radfahren der Hintern weh, dann ist es selten der Hintern.“ Die wenigsten Kundinnen könnten darüber sprechen, wo genau sie Schmerzen haben. „Sie haben keine Worte dafür, oder ihnen fehlt der Mut.“ Ist es ein Knochen oder die Klitoris, auf die ein bestimmter Sattel drückt? Das vermag so manche Fahrerin nicht zu beschreiben. „Erst recht nicht im Radladen, wo Frauen ohnehin nicht so ernst genommen werden“, sagt Britta Thomas-Neue und fordert: „Bei den Mädels muss ein Umdenken stattfinden. Sie müssen lernen, die Dinge beim Namen zu nennen.“ Denn dann kann Britta Thomas-Neue ihnen helfen: „Radfahren muss nicht wehtun. Es gibt so vieles, was wir verändern können.“

Neben dem Sattel wirken sich auf das Sitzgefühl aus: Körpergewicht, Beweglichkeit, Fahrtechnik, Dauer der Fahrten, Untergrund – und die Radhose. „Ob man auf dünne Triathlonpads oder auf dicke Polster steht: An der Hose sollte man nicht sparen“, so Thomas-Neue. Immer wieder sieht sie, dass Frauen unter ihren Radhosen Unterwäsche tragen. „Die schicke ich direkt wieder in die Umkleidekabine.“ Unterwäsche erhöht die Druck- und Reibungsgefahr zusätzlich – und ist quasi ein Garant für Sitzprobleme.

Wer seine Sitzprobleme lösen will, stößt früher oder später auch auf Sitzcremes. Die schützen vor Reibung und beugen Hautreizungen vor. Sie funktionieren aber nur, wenn sie großzügig zum Einsatz kommen. Britta Thomas-Neue weiß aus eigener Erfahrung: „Sitzcreme gehört auf die Haut und auf das Polster – und zwar so dick, dass sie nicht darin verschwindet. Die optimale Menge hat man gefunden, wenn man die Creme später beim Duschen noch abwaschen muss.“

 

Wie Babypopos

An die schmierige Schutzschicht glaubt auch der Dermatologe Swen Malte John – wenn auch nicht an jede: „Viele Produkte, die spezielle Hersteller anbieten, halten wir Hautärzte für nicht so geeignet. Sie enthalten oft Duftstoffe und Menthol, was nicht selten Allergien auslöst.“ Auch Cremes mit antibakteriellen Wirkstoffen begeistern den Hobbyradfahrer nicht. „Das ist die falsche Denkweise. Denn sie töten auch die nützlichen Bakterien ab. Außerdem können sie ebenfalls Allergien verursachen.“ Je weniger Inhaltsstoffe eine Sitzcreme habe, desto besser sei das für die Haut. Erst recht für die des weiblichen Intimbereichs, die auf manche Zutat in Sitzcremes gereizt reagiert. Damit es im Schritt gar nicht erst zu brennen beginnt, empfiehlt Hautarzt John einfache Zinkpaste, die jeder Apotheker anrührt, oder Penatencreme aus der Drogerie. „Radfahrerpopos haben schließlich ähnliche Probleme wie Babypopos.“

Nur wer zu trockener Haut neige, sollte lieber ein Produkt ohne Zink verwenden, rät dagegen Dr. Maja Heinrigs. Die Münchner Gynäkologin, die selbst viel Rennrad fährt, plädiert für fettreiche Cremes mit möglichst wenigen Zusatzstoffen. Frauen, die fürchten, die Cremes könnten ihre Vaginalflora angreifen, kann die Ärztin beruhigen: „Darüber würde ich mir keine Sorgen machen, denn die Creme gelangt ja nicht in größeren Mengen in die Scheide.“ Wichtiger sei, ein Austrocknen der sensiblen Vulva-Haut zu verhindern und sie etwa
mit Mandelöl zu pflegen. Schon vor der Ausfahrt zu duschen, um Hautreizungen vorzubeugen, sei übrigens keine gute Idee, sagt Dermatologe Swen Malte John: „Feuchte Haut ist durchlässiger für Keime.“ Von antibakteriellen Waschmitteln hält er ebenso wenig: „Dass die funktionieren, ist reiner Aberglaube.“

Ein Trend, den alle drei Experten kritisch sehen, ist das Rasieren der Schamhaare. Das mag ästhetisch sein, ist aus dermatologischer Sicht beim Radfahren aber nicht von Vorteil, im Gegenteil: „Rasieren verursacht kleinste Hautverletzungen, die Bakterien und Pilze eindringen lassen“, so Dermatologe John. „Es steigert das Risiko von Abszessen und Pilzinfektionen.“ Gynäkologin Heinrigs rät zum Rasieren erst nach der Ausfahrt. Und Bikefitterin Thomas-Neue bestätigt: „Frisch rasiert aufs Rad zu steigen, ist nicht der Renner. Vielfahrerinnen sollten sich überlegen, ob Rasieren für sie sinnvoll ist. Denn es kann der Auslöser für ihre Sitzprobleme sein.“

Bunte Gesundheit: Fitness mit Heike Drechsler

Als erfolgreiche Sportlerin weiß Heike Drechsler, wie wichtig Bewegung ist. Ihre Übungen halten fit und straffen den ganzen Körper. Und das Beste ist: Sie lassen sich einfach in den Alltag integrieren

von Sina Horsthemke

 

Obwohl sie ihre Karriere als Profisportlerin 2004 beendet hat, sieht Heike Drechsler fit und athletisch aus. Gerade mal 68 Kilogramm wiegt die 1,81 Meter große Wahl-Berlinerin. Das liegt vor allem an reichlich Aktivität im Alltag des ehemaligen Weitsprung-Superstars: Drechsler legt Wege, sooft es geht, zu Fuß zurück und baut immer wieder kleine Kräftigungsübungen ein, um ihre Muskulatur straff zu halten. „Leider bewegen sich viele von uns immer weniger. Doch in meinem Alter muss man am Ball bleiben, damit nicht alles klappriger wird“, sagt die 54-Jährige und lacht.
Neben den 30 Minuten Bewegung an fünf Tagen pro Woche, welche die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, rät sie „zusätzlich zu muskelkräftigenden Aktivitäten an mindestens zwei Tagen pro Woche“.

 

Im eigenen Wohnzimmer

Trainierte Muskeln straffen nicht nur sichtbar den Körper und erhöhen den täglichen Kalorienverbrauch, weil sie sogar in Ruhe Energie verbrennen. Sie schützen auch wirksam vor Rücken- oder Nackenschmerzen, Sportverletzungen und Gelenkbeschwerden. Zudem ist erwiesen, dass regelmäßige Bewegung das Körpergefühl verbessert, das Immunsystem stärkt und auch der Seele guttut. Und das Beste: Niemand braucht einen Personal Trainer oder teure Sportgeräte, um fit zu bleiben. „Schon mit simplen Übungen nur mit dem eigenen Körpergewicht kann man viel erreichen“, sagt die Sportexpertin und empfiehlt als Trainingsort: das eigene Wohnzimmer.

Angst vor unkontrolliert wachsenden Muskelbergen müssen Frauen nicht haben, verspricht Drechsler, die zweimal olympisches Gold gewann und ebenso oft Weltmeisterin wurde: „Jeder ist anders veranlagt und manche Menschen bauen tatsächlich schneller Muskeln auf als andere. Doch einen Bodybuilder-Effekt muss bei dieser Art von Training niemand befürchten.“ Gewisse Kraftfähigkeiten und eine ausgeglichene Muskulatur hält Drechsler auch bei Frauen für wichtig: „Feminin zu sein, heißt nicht, dass man keine Muskeln haben darf. Muskeln stehen für Fitness und wir brauchen sie ja auch im Alltag.“

 

Den ganzen Tag glücklich

Bis der Körper sichtbar straffer wird, sind allerdings einige Wochen regelmäßiges Training erforderlich. „Doch den positiven Effekt merkt man direkt“, verspricht Drechsler. „Wenn ich morgens trainiert habe, bin ich den ganzen Tag glücklich, dass ich schon etwas getan habe.“ Gesellt sich zur inneren Zufriedenheit dann noch ein strafferer Körper, verschwinden lästige Rückenverspannungen ganz ohne Arztbesuch, ist es auch nicht mehr schwierig, langfristig dranzubleiben.
„Hartnäckigkeit lohnt sich“, empfiehlt Drechsler jenen mit Motivationsproblemen. „Je öfter und regel- mäßiger man sich mit den Übungen beschäftigt, desto mehr wird man sie lieben, weil man die positiven Effekte zu schätzen lernt. Wer dranbleibt, wird schon bald feststellen, dass das Training für den Körper wichtig ist und einem einfach guttut.“

 

Übungen

1. Hüftrotation

Ziel: Öffnung der Hüftgelenke, Verbesserung der Hüftbeweglichkeit, Kräftigung der unteren Rückenmuskulatur.
Übung: Mit geschlossenen Beinen aufrecht stehen. Der Rücken ist gerade, die Schultern hängen locker. Hände in die Hüften stemmen, dann rechtes Bein gebeugt so weit heben, bis der Oberschenkel waagerecht ist und das Knie einen 90°-Winkel bildet. Der Fuß bildet ebenfalls einen 90°-Winkel zum Unterschenkel. Nun bewegen Sie das Bein so weit nach außen, wie es noch angenehm ist. In der Endposition kurz halten, dann führen Sie das Bein zurück in die Ausgangsposition und stellen den Fuß am Boden ab. Das wiederholen Sie einige Male, dann wechseln Sie die Seite.

 

2. Rucksackheben

Ziel: Kräftigung der Bein-, Gesäß-, Bauch-, Arm-, Schulter- und unteren Rückenmuskulatur.
Übung: Stehen Sie aufrecht, die Füße hüftbreit auseinander. Auf Brusthöhe halten Sie auf den gerade nach vorn gestreckten Armen einen Rucksack oder ein vergleichbares mittelschweres Gewicht. Nun gehen Sie langsam in die Knie, wobei beide Füße fest auf dem Boden stehen, der Rücken bleibt gerade und die Schultern ziehen nach unten/hinten. Langsam wieder aufrichten und die Arme dabei gestreckt lassen. Wenn Sie wieder aufrecht stehen, heben Sie den Rucksack mit gestreckten Armen über den Kopf und halten diese Position einige Atemzüge lang. Anschließend folgt die nächste Kniebeuge.

 

3. Sofa-Crunch

Ziel: Kräftigung der Bauchmuskulatur.
Übung: Bequem in Rückenlage aufs Sofa legen, bei angewinkelten Knien und angezogenen Fußspitzen die Beine aufstellen. Um den Oberkörper in eine gute Ausgangsposition – eine leichte Schräglage – zu bringen, können Sie sich an einem Kissen anlehnen. Sie strecken nun beide Arme gerade nach vorn, ohne dabei die Schultern hochzuziehen. Dann richten Sie sich mit geradem Oberkörper auf, indem Sie die Brust Richtung Knie bewegen. Endposition kurz halten, langsam wieder ablegen – den nächsten Sofa-Crunch beginnen!

 

4. Superman

Ziel: Kräftigung der Rücken-, Gesäß- und rückseitigen Oberschenkelmuskulatur.
Übung: Legen Sie sich bäuchlings aufs Sofa oder auf eine Gymnastikmatte. Die Beine sind gestreckt, der Blick ist nach unten gerichtet. Strecken Sie beide Arme nach vorn aus, am besten zu einem leichten V geöffnet. Nun heben Sie Arme und Beine langsam vom Sofa ab und halten diese Position einige Atemzüge lang. Achten Sie darauf, dass die Ellbogengelenke gestreckt bleiben und Sie den Nacken nicht überstrecken! Anschließend Arme und Beine wieder ablegen und die nächste Wiederholung beginnen.

 

Die ausgewählten Übungen stehen beispielhaft für eine Serie aus 10 Kräftigungs- und Dehnübungen.