TOUR: So funktioniert ein sportärztlicher Check

Einmal im Jahr sollten Hobby-Radfahrer ihren Körper auf Belastbarkeit überprüfen lassen – erst recht, wenn sie an Wettkämpfen teilnehmen. Wir haben an der Uni München einen sportmedizinischen Check samt Laktattest absolviert
von Sina Horsthemke

 

Was gäbe ich jetzt für etwas Fahrtwind. Eine Brise im Gesicht, einen Windhauch auf der Stirn – zur Abkühlung! Aber nein. Kein Lüftchen ist zu spüren, obwohl ich mit einer Trittfrequenz von 78 Umdrehungen pro Minute energisch in die Pedale trete. Eine Schweißperle rinnt mir den Nasenrücken hinab und tropft auf den Linoleumboden. Meine Oberschenkel ziehen, die Schläfen pochen. Ich atme schwer und spüre, dass ich erröte. Wie ein Untrainierter, der nach Weihnachten auf die Idee kommt, joggen zu gehen.

Obwohl ich inzwischen fast mit aller Kraft trete, komme ich keinen Meter voran. Vor mir: das geschlossene Fenster. Neben mir: die medizinische Fachangestellte Kathrin Hedler vom Münchner Zentrum für Prävention und Sportmedizin am Klinikum rechts der Isar. Schon wieder bittet sie mich nun, den rechten Arm vom Lenker zu nehmen, damit sie meinen Blutdruck messen kann. Ausgerechnet jetzt! Längst brauche ich auch die Arme, um meinen Beinen für ihre Arbeit ein Widerlager zu bieten. Sonst kann ich die Kurbeln nicht mehr lange in der geforderten Frequenz kreiseln lassen. Als ich den Lenker für die Messung loslasse, protestiert meine Oberschenkelmuskulatur mit einem Brennen. Fühlt sich so Laktat an?

Laktat, das Salz der Milchsäure, produziert ein Muskel, wenn ihm bei der Arbeit zu wenig Sauerstoff zu Verfügung steht. Diesen bekommt er über das Blut, welches das Gas aus der Lunge im ganzen Körper verteilt. Bei großer Anstrengung reicht der Sauerstoff aus der Luft trotz stärkerer Atemarbeit nicht aus. Zwingt der Kopf die Muskeln dennoch zur Weiterarbeit, machen sie ohne Sauerstoff weiter – und dabei fällt eben Laktat an. Kommt der Körper mit dessen Abbau nicht nach, übersäuern die Muskeln und die Leistung bricht ein.

Ich strample auf diesem Ergometer, weil ich heute ganz genau wissen will, ab welcher Belastung meinen Muskeln der Sauerstoff ausgeht, schlicht gesagt: wie fit ich bin. Gerade denke ich: nicht besonders. Ich versuche, das Brennen in den Beinen zu ignorieren, doch binnen der nächsten zwei Minuten sinkt meine Trittfrequenz auf 60, obwohl ich mit aller Kraft dagegen arbeite. Mein Puls rast, die Lunge brennt, die Oberschenkel beginnen zu zittern. Ich gebe auf. Das war’s – mehr geht nicht. Während der Schmerz nachlässt und ich wieder zu Atem komme, drückt Kathrin Hedler auf meinem Ohrläppchen herum. Ein Tropfen Blut verschwindet im Teströhrchen. Das Messgerät zeigt später an: Er enthält umgerechnet elf Millimol Laktat pro Liter. Der Beweis, dass mein Muskelstoffwechsel am Limit war.

 

EINMAL IM JAHR ZUM CHECK

Warum ich mir das antue? Weil ich sichergehen will, dass mein Training keinen Schaden anrichtet. Meine letzte sportärztliche Untersuchung liegt einige Jahre zurück. Bevor ich mich für die kommende Saison wieder ins Training stürze, sollen Ärzte prüfen, ob mein Herz und mein Kreislauf intensiven sportlichen Belastungen noch gewachsen sind. Zudem brauche ich meine aktuelle Form schwarz auf weiß, weshalb ich zusätzlich zur Basis­Untersuchung einen Laktattest gebucht habe. Er soll zeigen, was im Winter zu tun ist, wenn ich 2019 fit am Start stehen möchte.

„Hobbysportlern, die an Wettkämpfen teilnehmen, empfehlen wir eine sportärztliche Basisuntersuchung einmal pro Jahr, wahlweise mit zusätzlicher Laktat­Leistungsdiagnostik“, sagt Dr. Katrin Esefeld. Die 36­Jährige ist Funktionsoberärztin am Münchner Zentrum für Prävention und Sportmedizin, wo ich soeben den Fußboden vollgeschwitzt habe. Auf dem Rad macht der zweifachen deutschen Meisterin im Duathlon kaum eine etwas vor. Wie schon mehrere Male schaffte sie es auch 2018 beim Ironman Hawaii, der Weltmeisterschaft der Triathleten, aufs Podium ihrer Altersklasse – auch dank eines starken Radsplits, wie die Triathleten die 180 Kilometer nennen.

Dr. Esefeld, Sportmedizinerin und Fachärztin für Innere Medizin, weiß genau, dass eine ver­säumte Herzuntersuchung im schlimmsten Fall fatale Folgen hat: „Unter intensiver Belastung können ein unentdeckter Klappenfehler oder ein verschleppter Infekt zum plötzlichen Herztod führen.“ Fast 60 Sportler, meist Läufer oder Fußballspieler, sterben allein in Deutschland jedes Jahr daran. Die meisten sind ambitionierte Hobbyathleten. Ab dem 35. Lebensjahr ist es vor allem die koronare Herzkrankheit, die für Todesfälle im Sport verantwortlich ist. Bei Jüngeren liegen meist Herzmuskelerkrankungen zugrunde, angeborene Fehlbildungen der Gefäße oder Herzmuskelentzündungen. In Ländern wie Italien und Frankreich sind Hobbysportler deshalb längst verpflichtet, vor dem Start bei etwa einem Radmarathon die Bescheinigung eines Sportmediziners vorzulegen, dass sie der Belastung gewachsen sind. In Deutschland sind sportärztliche Gesundheits­Checks freiwillig. Obwohl immer mehr Krankenkassen die Kosten für die Basis­Untersuchung zumindest teilweise übernehmen, lässt sich aber nur jeder zweite Ausdauersportler durchchecken.

So wie ich – die vor dem Belastungstest schon mit Maßband, Waage und Körperfett­Zange Bekanntschaft gemacht hat. Aus Körpergröße und Gewicht errechneten die Ärzte meinen Body­Mass­Index, aus Bauch­ und Beckenumfang einen Taillen­Hüft­Quotienten von 0,77. Und die Caliperzange biss schonungslos in jede noch so kleine Speckrolle an Trizeps, Bizeps, Brust, Bauch, Oberschenkel, Achselhöhle, Schulterblatt und Taille. Acht Werte, aus denen sich danach mein Gesamtkörperfettanteil ergab. Was ebenfalls zum Basis­Check gehört: eine Blutanalyse, die Messung des Blutdrucks in Ruhe und ein sogenanntes Ruhe­EKG, bei dem Elektroden auf dem Oberkörper die elektrische Aktivität des Herzmuskels im Liegen messen.

Heraus kommt eine Kurve mit regelmäßigen Zacken – doch meine hat eine zu viel. „Das ist ein inkompletter Rechtsschenkelblock“, sagt Dr. Annika Hackemann, die mit mir das EKG­bespricht. Sie deutet mit der Spitze ihres Kugelschreibers auf eine kleine Zacke am Ende jedes Herzschlages. Wie bitte? Bin ich doch nicht sporttauglich? Ist mein Herz krank? Dr. Hackemann, selbst Radfahrerin, beruhigt mich: „Das haben Sportler oft. Durch das regelmäßige Ausdauertraining wird die rechte Herzhälfte mehr beansprucht als bei Nichtsportlern. Dies führt zu Veränderungen im EKG.“ Ein Drittel aller Ausdauersportler, lese ich später, weist aufgrund des regelmäßigen Trainings solche EKG­Veränderungen auf. Der inkomplette Rechtsschenkelblock, wie ich ihn habe, ist häufig, aber harmlos. Zum Glück zeigt auch die abschließende Ultraschall­Untersuchung, dass mit meinem Herzen alles in Ordnung ist.

 

BEI RADRENNEN IM MITTELFELD

Doch wie fit ist es nun, mein Herz? Wie trainiert ist mein Stoffwechsel in der Muskulatur? Meine sogenannte anaerobe Schwelle, das hat die schweißtreibende Ergometer­Fahrt ergeben, liegt derzeit bei schlappen 137 Watt. Wenn ich die trete, zirkulieren in jedem Liter meines Bluts konstant zwei Millimol Laktat. Eine Belastung, die ich eine Weile durchhalten könnte. Damit bin ich zwar fitter als 93 Prozent der Frauen in meinem Alter, versichert mir Sportmedizinerin Dr. Esefeld bei der Abschlussbesprechung. Verglichen mit Radsportlerinnen, die Rennen fahren, ist das jedoch gerade mal „im Mittelfeld“.

Um weiter vorn zu landen, empfiehlt mir Dr. Esefeld drei bis vier Trainingseinheiten pro Woche, davon zwei im Grundlagenbereich, eine gespickt mit Intervallen. „Wenn man sich verbessern will, muss man schon jeden zweiten Tag einen Reiz setzen“, sagt sie. Ich bin hoch motiviert, das zu tun. Und mein Herz, das weiß ich nun, wird gefahrlos mitmachen. In ihrem Bericht zur Untersuchung bestätigt Dr. Esefeld schwarz auf weiß: „Aus sportkardiologischer Sicht bestehen keine Einwände gegen die Fortführung des Trainings.“ Na, dann: los!