Tour: Wie Radfahrerinnen richtig und schmerzfrei sitzen

Sie sprechen oft nicht darüber, doch Fakt ist: Die meisten Rennradfahrerinnen leiden unter Sitzbeschwerden. Zum Glück gibt es Lösungen.
von Sina Horsthemke

Für den Allerwertesten und seine Umgebung ist Radfahren selten ein Vergnügen: Auf wenigen Quadratzentimetern des Körpers lastet ein Großteil seines Gewichts. Druck herrscht dort, wo niemand gern Druck verspürt. Und Reibung am Sattel lässt die Haut an besonders sensiblen Stellen leiden.

„Fast alle Frauen, die zu uns kommen, haben Sitzbeschwerden“, sagt Britta Thomas-Neue, Bikefitterin bei Cyclefit.de inBensheim. „So ein Fahrradsattel hat für die weibliche Anatomie eine denkbar unglückliche Form: Die Sattelnase übt Druck aufs Weichgewebe aus, also Schamlippen und Klitoris.“ Wer sich in diesem sensiblen Bereich wundfahre, so Thomas-Neue, habe nicht nur Schmerzen beim Fahren, „sondern auch lange danach“. Problematisch seien zudem Druckstellen an den Schambeinkufen. Diese bilden im Frauenbecken einen größeren Winkel als bei Männern. Dadurch liegt der Schambeinbogen tiefer, wodurch die Weichteile mit großer Wahrscheinlichkeit Quetschungen ausgesetzt sind. „Legen Frauen mehr als 8.000 Kilometer im Jahr zurück, können hartnäckige, irreversible Schwellungen seitlich der Vulva am Übergang zum Bein entstehen“, sagt Britta Thomas-Neue. Mancher Profifahrerin blieb nichts anderes übrig, als sich operieren zu lassen, weil das geschwollene Gewebe die Beinvenen abdrückte.

„Männer gut aufs Rad zu setzen, ist für uns Fitter einfacher“, sagt die Expertin, die selbst seit ihrer Jugend Rad fährt. „Hoden und Penis lassen sich verschieben, wenn es irgendwo drückt. Bei Frauen aber verschiebt sich gar nichts.“ Schmerzen, Entzündungen, Taubheitsgefühle und Funktionsstörungen beim Sex und Wasserlassen sind die Folge.

 

Was Sattel und Co. anrichten können

Außerdem leidet die Haut. „Für sie ist die Reibung problematisch“, sagt Prof. Dr. Swen Malte John, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für interdisziplinäre Dermatologische Prävention und Rehabilitation an der Universität Osnabrück. Der Dermatologe, der früher das Team T-Mobile betreute, ist selbst Radsportler und weiß, was Sattel, Sitzpad, Schweiß und die monotone Bewegung zwischen den Beinen anrichten können.

„Meist beginnen die Beschwerden mit Wundsein.“ Dringen dann Bakterien in die Haut ein, kommt es zu Haarbalgentzündungen, aus denen sich bis zu zwei Zentimeter große Abszesse entwickeln können. „Die sind sehr schmerzhaft und gehören in ärztliche Behandlung“, so John. Wundgeriebene Haut ist auch für (Hefe-)Pilze eine Eintrittspforte: „Diese fühlen sich im feucht-warmen Klima einer Radhose besonders wohl“, so John. Beginnende Pilzinfektionen erkennen Fahrerinnen an geröteten Höckern auf der Haut, „die jucken und brennen und manchmal Eiter absondern“.

Nicht selten fangen sich Frauen beim Radfahren auch Harnwegsinfekte ein. „Das Sitzen auf dem Sattel massiert die eigenen Darmkeime regelrecht in die Harnröhre“, erklärt der Arzt. Frauen, die wissen, dass sie empfindlich sind, sollten viel trinken, um die Blase öfter durchzuspülen, so John.

Hautverletzungen, Schmerzen, neurologische Störungen – dass Rad fahrende Frauen mindestens genauso oft Sitzprobleme haben wie Männer, haben Studien längst bewiesen. Bis zu 40 Prozent des Körpergewichts lasten beim Fahren auf ihrem Genitalbereich. Zwar leiden jüngere ambitionierte Radsportlerinnen meist noch nicht unter bleibenden Schäden, das fanden New Yorker Wissenschaftler heraus. Doch verglichen etwa mit Läuferinnen zeigten sie schon bei einem Wochenumfang von rund 160 Kilometern bereits deutliche Empfindungsstörungen an Schamlippen, Vagina und Klitoris.

 

Die Dinge beim Namen nennen

Um dem Druck im Genitalbereich auszuweichen, finden viele Frauen eine eigene Lösung, weiß Bikefitterin Britta Thomas-Neue: „Sie rutschen auf dem Sattel ganz weit nach hinten und kippen ihr Becken, als würden sie auf einem Stuhl sitzen.“ Diese Sitzposition sei zwar schonender für die Weichteile, „ist allerdings alles andere als optimal, wenn man Leistung
auf die Straße bringen möchte“. Stellen die Frauen das Becken auf, wird ihnen das ganze Rad zu lang, woraufhin sie oft einen kürzeren Vorbau montieren – „und schon ist die ganze Fahrstabilität im Eimer“, so Thomas-Neue. „Diese Mädels sitzen zu weit hinter dem Tretlager und bekommen keinen Druck mehr aufs Pedal.“

Also muss ein anderer Sattel her? Schließlich gibt es zahllose Sättel, mit denen Hersteller versuchen, Sitzprobleme zu lösen. Das könne helfen, sagt die Bikefitterin. „Oft ist es aber gar nicht der Sattel, sondern eher dessen Position und das Drumherum.“ Sitzt der Sattel beispielsweise zu hoch, erzeugt das Druck im Schritt. Auch die falsche Kurbellänge kann zu Sitzproblemen führen. „Eine lange Kurbel verlangt mehr Kniehub. und der resultiert in Reibung an den Kontaktpunkten des Sattels.“ Ebenso müsse man bei Sitzproblemen auch auf die Füße schauen: „Oft montieren Frauen die Pedalplatten zu weit vorn, das macht die Füße instabil“, berichtet Thomas-Neue. „Kippen diese in der Druckphase nach innen, rutscht der Ansatz der inneren Oberschenkelmuskulatur jedes Mal über die Sattelkante
und erzeugt Reibung.“

Etliche Radsportlerinnen kommen mit V-förmigen Sätteln gut zurecht, die eine geteilte Sitzfläche oder eine Aussparung haben, ergaben Ergonomie-Studien mit Vielfahrerinnen. Druckmessungen belegen, dass so eine Sattelform das Weichteilgewebe schont und die Belastung dann eher auf den knöchernen Strukturen liegt. „Doch den einen Sattel für Frauen gibt es nicht“, sagt Thomas-Neue. Statt auf das Marketing von Herstellern hereinzufallen oder sich lediglich auf den Abstand der Sitzbeinhöcker zu berufen, den viele Händler beim Sattelverkauf immer noch als einzige Größe heranziehen, sollten sich Frauen zusätzlich
fragen: „Wie sehe ich untenherum aus und welcher Sattel könnte dazu passen?“

Anders gefragt: Bin ich ein „Innie“ oder ein „Outie“? Bei Outies liegen die inneren
Schamlippen und die Klitoris außerhalb, treten also zwischen den äußeren Schamlippen hervor – und können dadurch eher eingequetscht werden. Bei „Innies“ liegen Klitoris und innere Schamlippen zwischen den äußeren verborgen. Das Risiko für Sitzprobleme ist dann geringer. Für Outies eignen sich Studien zufolge breitere Sättel mit Druckreduzierung in der Mitte, Innies können schmalere Sättel mit abgerundeten Kanten fahren.

 

Radfahren muss nicht wehtun

Klingt einfach, ist aber oft schwierig – besonders im Beratungsgespräch, so Britta Thomas-Neue. „Wenn Frauen berichten, ihnen tue beim Radfahren der Hintern weh, dann ist es selten der Hintern.“ Die wenigsten Kundinnen könnten darüber sprechen, wo genau sie Schmerzen haben. „Sie haben keine Worte dafür, oder ihnen fehlt der Mut.“ Ist es ein Knochen oder die Klitoris, auf die ein bestimmter Sattel drückt? Das vermag so manche Fahrerin nicht zu beschreiben. „Erst recht nicht im Radladen, wo Frauen ohnehin nicht so ernst genommen werden“, sagt Britta Thomas-Neue und fordert: „Bei den Mädels muss ein Umdenken stattfinden. Sie müssen lernen, die Dinge beim Namen zu nennen.“ Denn dann kann Britta Thomas-Neue ihnen helfen: „Radfahren muss nicht wehtun. Es gibt so vieles, was wir verändern können.“

Neben dem Sattel wirken sich auf das Sitzgefühl aus: Körpergewicht, Beweglichkeit, Fahrtechnik, Dauer der Fahrten, Untergrund – und die Radhose. „Ob man auf dünne Triathlonpads oder auf dicke Polster steht: An der Hose sollte man nicht sparen“, so Thomas-Neue. Immer wieder sieht sie, dass Frauen unter ihren Radhosen Unterwäsche tragen. „Die schicke ich direkt wieder in die Umkleidekabine.“ Unterwäsche erhöht die Druck- und Reibungsgefahr zusätzlich – und ist quasi ein Garant für Sitzprobleme.

Wer seine Sitzprobleme lösen will, stößt früher oder später auch auf Sitzcremes. Die schützen vor Reibung und beugen Hautreizungen vor. Sie funktionieren aber nur, wenn sie großzügig zum Einsatz kommen. Britta Thomas-Neue weiß aus eigener Erfahrung: „Sitzcreme gehört auf die Haut und auf das Polster – und zwar so dick, dass sie nicht darin verschwindet. Die optimale Menge hat man gefunden, wenn man die Creme später beim Duschen noch abwaschen muss.“

 

Wie Babypopos

An die schmierige Schutzschicht glaubt auch der Dermatologe Swen Malte John – wenn auch nicht an jede: „Viele Produkte, die spezielle Hersteller anbieten, halten wir Hautärzte für nicht so geeignet. Sie enthalten oft Duftstoffe und Menthol, was nicht selten Allergien auslöst.“ Auch Cremes mit antibakteriellen Wirkstoffen begeistern den Hobbyradfahrer nicht. „Das ist die falsche Denkweise. Denn sie töten auch die nützlichen Bakterien ab. Außerdem können sie ebenfalls Allergien verursachen.“ Je weniger Inhaltsstoffe eine Sitzcreme habe, desto besser sei das für die Haut. Erst recht für die des weiblichen Intimbereichs, die auf manche Zutat in Sitzcremes gereizt reagiert. Damit es im Schritt gar nicht erst zu brennen beginnt, empfiehlt Hautarzt John einfache Zinkpaste, die jeder Apotheker anrührt, oder Penatencreme aus der Drogerie. „Radfahrerpopos haben schließlich ähnliche Probleme wie Babypopos.“

Nur wer zu trockener Haut neige, sollte lieber ein Produkt ohne Zink verwenden, rät dagegen Dr. Maja Heinrigs. Die Münchner Gynäkologin, die selbst viel Rennrad fährt, plädiert für fettreiche Cremes mit möglichst wenigen Zusatzstoffen. Frauen, die fürchten, die Cremes könnten ihre Vaginalflora angreifen, kann die Ärztin beruhigen: „Darüber würde ich mir keine Sorgen machen, denn die Creme gelangt ja nicht in größeren Mengen in die Scheide.“ Wichtiger sei, ein Austrocknen der sensiblen Vulva-Haut zu verhindern und sie etwa
mit Mandelöl zu pflegen. Schon vor der Ausfahrt zu duschen, um Hautreizungen vorzubeugen, sei übrigens keine gute Idee, sagt Dermatologe Swen Malte John: „Feuchte Haut ist durchlässiger für Keime.“ Von antibakteriellen Waschmitteln hält er ebenso wenig: „Dass die funktionieren, ist reiner Aberglaube.“

Ein Trend, den alle drei Experten kritisch sehen, ist das Rasieren der Schamhaare. Das mag ästhetisch sein, ist aus dermatologischer Sicht beim Radfahren aber nicht von Vorteil, im Gegenteil: „Rasieren verursacht kleinste Hautverletzungen, die Bakterien und Pilze eindringen lassen“, so Dermatologe John. „Es steigert das Risiko von Abszessen und Pilzinfektionen.“ Gynäkologin Heinrigs rät zum Rasieren erst nach der Ausfahrt. Und Bikefitterin Thomas-Neue bestätigt: „Frisch rasiert aufs Rad zu steigen, ist nicht der Renner. Vielfahrerinnen sollten sich überlegen, ob Rasieren für sie sinnvoll ist. Denn es kann der Auslöser für ihre Sitzprobleme sein.“