ZEIT Online: Wenn Kinder im Kindergarten Erste Hilfe lernen

Kindergartenkinder sind nicht stark genug, um jemanden wiederzubeleben. Doch sie sollten Erste Hilfe lernen – weil sie hemmungslos zupacken
von Sina Horsthemke

 

Auf dem Teppich im Kindergarten liegt leblos ein kleines Mädchen. Die Augen geschlossen, Arme und Beine von sich gestreckt, keinen Mucks von sich gebend. Felicia spielt ihre Rolle gut. Selbst als ihre Freundin Rosi sie an den Schultern packt und schüttelt, verzieht die Fünfjährige keine Miene. „Hallo? Hörst du mich?“ Nichts. Rosi weiß, was nun zu tun ist. Mit beiden Händen bewegt sie vorsichtig Felicias Kopf nach hinten und legt der Freundin ein Ohr an die Lippen. Erleichtert blickt sie auf: „Zum Glück, sie schnauft noch.“ Rosi nimmt Felicias Hand, legt sie ihr an die Wange, greift danach ans Bein, stellt geschickt das Knie auf und dreht ihre reglose Freundin mit einem beherzten Schwung auf die Seite. „Fertig!“, lacht sie. Stimmt: Genauso sieht die perfekte stabile Seitenlage aus.

In Bayern lernen viele Kinder Erste Hilfe, schon bevor sie in die Schule kommen. „Trau-Dich!“ heißt das Programm, welches das Bayrische Rote Kreuz speziell für Vier- bis Sechsjährige entwickelt hat. Spielerisch lernen die Kleinen dabei, wie sie Schnitt- und Brandwunden versorgen, Beulen kühlen oder einfach Hilfe holen. Sonja Hieber, Vorsitzende des Bayrischen Jugendrotkreuzes, ist sich sicher: „Kinder können zum Teil besser als Erwachsene Erste Hilfe leisten. Sie haben einfach keine Hemmungen.“

So wie Jakob, ein Sechsjähriger aus der Gruppe von Felicia und Rosi. Als es um Fremdkörper in Wunden geht, ruft er aufgeregt in den Raum: „Die Tochter von der Heike hatte schon mal einen Stock im Auge!“ Dass man den nicht einfach rausziehen darf, lernen die Kinder im Kurs von der Handpuppe Solfi. „Sie führt durchs Programm, die Kinder sehen sie als Freundin“, erklärt Birgit Geier. Die Erzieherin leitet den Kindergarten, an dem heute der Kurs stattfindet, und hat das Erste-Hilfe-Training für die Kleinen mitentwickelt. „Hingehen, trösten und Hilfe holen sind die wichtigsten Dinge, wenn man erste Hilfe leistet. Und das können auch Kinder. Je früher sie es lernen, desto selbstverständlicher wird es für sie als Erwachsene, im Notfall richtig zu reagieren.“

 

Erwachsene haben Angst zu helfen

Nur jeder dritte Erwachsene, das ergaben Studien, kann im Notfall richtig helfen. Die meisten schätzen sich selbst nicht als gute Ersthelfer ein. Sie haben Angst, etwas falsch zu machen oder das Opfer zu verletzen – und tun dann lieber gar nichts. Das ist jedoch das Schlimmste, was einem Verunglückten passieren kann. Denn bei einem Herzstillstand beispielsweise, den in Deutschland jedes Jahr rund 50.000 Menschen erleiden, zählt jede Minute. Mit jeder, die tatenlos verstreicht, verringert sich die Überlebenschance des Betroffenen um zehn Prozent. Würden sich mehr Angehörige oder Passanten eine sofortige Herzdruckmassage zutrauen, könnten täglich 27 Menschenleben gerettet werden.

Kindergarten- und Grundschulkinder sind noch zu klein, um einen Erwachsenen wiederzubeleben. Das ist erst ab der siebten Klasse sinnvoll. Vorher reicht die Kraft nicht aus, um den Brustkorb eines Bewusstlosen immer wieder so weit einzudrücken, dass dessen Herz erneut zu schlagen beginnt. Auch erfolgreiches Beatmen wäre durch kleine Kinder nicht möglich. Doch sie können Hilfe holen und einen Notruf absetzen – wenn sie wissen, wie das geht. Altruismusforscher konnten zeigen, dass Kinder eine höhere Motivation und weniger Hemmungen haben als Erwachsene, wenn es ums Helfen geht.

 

Pflasterschneiden mit stumpfen Scheren

Im Kurs des bayrischen Kindergartens soll heute neben der stabilen Seitenlage das Versorgen von Schnittwunden geübt werden. Die elf Kinder sitzen kichernd aber konzentriert auf bunten Stühlen im Halbkreis. Mit stumpfen Scheren – schließlich soll sich niemand wirklich verletzen – schneiden sie Pflasterstücke so in Form, dass man sie wie Hütchen über eine verletzte Fingerkuppe kleben kann. „Die Fiona kriegt es nicht hin!“ ruft ein blondes Mädchen belustigt und zeigt lachend auf ihre Nachbarin. Sie nimmt der Kleineren die Bastelschere aus der Hand. „Komm, ich helfe dir.“

Helfen – das können Kinder früh. Schon mit vier Jahren, so fanden norwegische Wissenschaftler heraus, sind sie in der Lage Hilfe zu leisten. Und erinnern sich selbst Jahre später an das Gelernte. „Erste-Hilfe-Training sollte im Kindergarten beginnen“, so das Fazit der Forscherinnen und Forscher. „Denn es kann passieren, dass Kinder die einzigen sind, die in einer Notfallsituation anwesend sind.“

Die Kinder im Kurs sollen sich nun vorstellen, sie seien mit ihrer Mutter im Supermarkt und vor ihnen bräche eine Frau zusammen. „Die Frau fällt einfach um und sagt nichts mehr“, erzählt Erzieherin Geier und die Kleinen bekommen große Augen. „Was macht Ihr dann?“ Noel, einer der Älteren aus der Gruppe, streckt den Zeigefinger in die Luft und wippt aufgeregt auf seinem Stuhl auf und ab. Er kennt die Antwort: „Mund-und-Mund-Geatme!“ „Nein“, korrigiert Rosi ihn, „Mama holen!“ Noel sieht das ein. „Auch Salbe draufschmieren macht lieber die Mama.“

In vielen europäischen Ländern, etwa in Belgien und Dänemark, steht Erste Hilfe spätestens in der Sekundarstufe im Schul-Lehrplan. Auch Großbritannien arbeitet an einem Gesetzesentwurf, der vorsieht, dass Grundschulkindern basale Erste-Hilfe-Maßnahmen beigebracht werden. Die Schülerinnen und Schüler weiterführender Schulen sollen in Zukunft die Reanimation, also Beatmung und Herzdruckmassage, üben.

 

Bessere Überlebensrate in Dänemark

In Deutschland lernen viele Menschen das Helfen immer noch erst dann, wenn sie den Führerschein machen. Die Folge: Verglichen mit Norwegen, Schweden oder den Niederlanden leiten Laien hierzulande viel seltener Wiederbelebungsmaßnahmen ein. Dabei könnte eine größere Anzahl ausgebildeter Ersthelfer einiges bewirken. In Dänemark beispielsweise hat sich die Überlebensrate seit der Einführung von Erste-Hilfe-Training an Schulen im Jahr 2005 mehr als verdoppelt.

Obwohl klar ist, dass Kinder einmal gelernte Erste-Hilfe-Maßnahmen noch Jahre später umsetzen können und sie dadurch zu selbstbewussteren Ersthelfern werden, ist Deutschland spät dran mit der Ausbildung seiner Laienretter: Erst 2014 empfahl der Schulausschuss der Kultusministerkonferenz, das Thema Reanimation in die Lehrpläne für weiterführende Schulen aufzunehmen. Als eines der ersten Bundesländer hat das Saarland die Vorschläge Ende 2017 umgesetzt.

In Bayern hat sich das Ausbilden der Kindergartenkinder längst bewährt, berichtet Sonja Hieber, die Vorsitzende des Jugendrotkreuzes. „Einmal wurde hier im Landkreis eine Mutter zu Hause ohnmächtig. Sie war mit ihrem fünfjährigen Kind allein zu Haus und das rief den Notarzt und rettete sie so.“ Erst zwei Tage vorher war es im Kurs gewesen.

FOCUS Gesundheit: Warum wir uns impfen lassen sollten

Gewappnet durch Impfungen, besiegt unser Immunsystem sogar tödliche Krankheiten. Warum und wann wir uns impfen lassen sollten
von Sina Horsthemke

 

Meterhohe Zäune, Bewegungsmelder, Wachpersonal: Mitten in Sibirien befindet sich „Vector“, die wohl bestbeschützte Plattenbau-Anlage der Welt. In dem Hochsicherheitstrakt, einem ehemaligen Biowaffenlabor, verwahren Wissenschaftler einen Massenmörder: das Pockenvirus. Die letzte große Pockenepidemie Deutschlands wütete Ende des 19, Jahrhundert. 180 000 Menschen starben, und Kaiser Wilhelm I. hatte genug: Im Frühjahr 1874 führte er eine Impfpflicht für Neugeborene ein. Dass die Injektion vor Pocken schützt, hatte ein englischer Landarzt schließlich schon 100 Jahre zuvor entdeckt. Der Kaiser war streng: Eltern, die sich weigerten, kamen in Haft oder hatten eine Geldstrafe zu zahlen. Damit begann der Siegeszug der Impfung – und 1979 galten die Pocken als ausgerottet. Ein weltweites Abkommen sicherte, dass die verbliebenen Virusbestände vernichtet wurde. Nur zwei Laboratorien durften den Erreger zu Forschungszwecken aufbewahren, eines in den USA, das andere in Russland.

 

190 000 Tote durchs Nicht-Impfen

Das Schreckensbild der Pockenkranken ist in Vergessenheit geraten ebenso wie die Tatsache, dass Impfungen Leben retten. Immer wieder stellen Eltern die Notwendigkeit infrage. Dabei lassen die Zahlen des Robert Koch-Instituts keinen Platz für Zweifel: In den vergangenen zehn Jahren starben in Deutschland rund 190 000 Menschen an Krankheiten, gegen die es eine Impfung gegeben hätte.

Das menschliche Immunsystem lernt ein Leben lang. Trifft es auf Krankheitserreger, bildet es Antikörper, um beim nächsten Mal besser gewappnet zu sein. Es verfügt zudem über Gedächtniszellen. Diese hoch spezialisierten weißen Blutkörperchen erinnern sich an den „Feind“. Eine Lernfähigkeit, die sich die Medizin beim Impfen zunutze macht. Mit einer Impfung bringt der Arzt abgeschwächte (Lebendimpfstoff), abgetötete (Totimpfstoff) Viren oder Virusbestandteile in den Körper. Sie lösen keine Infektion aus, wecken aber die Aufmerksamkeit des Immunsystems. Es bildet Antikörper und Gedächtniszellen – und die reagieren prompt, falls später der echte Erreger angreift. Lebendimpfstoffe wie jene gegen Masern oder Windpocken fordern den Körper stärker, bleiben dem Immunsystem dafür aber ewig in Erinnerung. Nach erfolgter Grundimmunisierung besteht Schutz für den Rest des Lebens. An Totimpfstoffen muss das Immunsystem öfter „trainieren“. Deshalb werden Impfungen gegen Diphtherie, Hepatitis B oder Tetanus regelmäßig aufgefrischt.

Vermag ein Krankheitserreger nur im menschlichen Körper zu existieren, besteht die Chance, ihn auszurotten – wenn nur genug Menschen dagegen geimpft sind. Was bei den Pocken vor fast 40 Jahren gelungen ist, sollte 2010 auch mit den Masern geschehen. Doch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat ihr Ziel verfehlt. Noch 2017 infizierten sich europaweit mehr als 21 000 Menschen mit der Kinderkrankheit, 35 starben daran. Schon im April dieses Jahres waren in Deutschland mehr Masernfälle aufgetreten, als für ganz 2018 vorausgesagt waren.

 

Der Erfolg wird der Impfung zum Verhängnis
„Das Wort Kinderkrankheit ist viel zu harmlos“, sagt Johannes Hübner, Leiter der Abteilung für Infektiologie an der Kinderklinik der Universität München. „Masern sind nicht harmlos.“ Meist heilen sie folgenlos ab, doch bei fast jedem Fünften treten Komplikationen auf. Bei einem von 1000 Patienten entzündet sich das Gehirn, was wiederum fast jeder Fünfte nicht überlebt. Manchmal schlägt die Krankheit sechs bis acht Jahre später noch einmal zu – dann mit einer chronischen Hirnentzündung, die immer tödlich endet. „Das Risikobewusstsein für diese Komplikationen ist verschwunden, da die Erkrankungen nicht mehr so präsent sind“, klagt Hübner, der auch Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie ist.

In immerhin 33 WHO-Mitgliedsstaaten gelten die Masern als besiegt. Offiziell befreit sind unter anderem Nord- und Südamerika, Dänemark, Spanien, Großbritannien, Griechenland, Kroatien, Albanien und Usbekistan. Deutschland gehört neben Polen, Rumänien und der Ukraine zu den verbleibenden 14 Ländern, in denen das Masernvirus noch heimisch ist. Schuld daran sind zu niedrige Durchimpfungsraten: Für die Ausrottung müssten 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sein. Die zweite Impfung, die für einen vollständigen Schutz unerlässlich ist, erhalten in Deutschland aber nur drei von vier Kindern. Dadurch entstehen Impflücken, die das Virus zur Verbreitung nutzt. Immer wieder kommt es in Deutschland sogar zu größeren Ausbrüchen – zuletzt 2015, als sich fast 2500 Menschen infizierten.

Es ist der eigene Erfolg, der dem Impfen zum Verhängnis wird. Da auch Mumps, Diphtherie, Polio und Tetanus von der Bildfläche verschwunden sind, erscheint vielen das Impfrisiko größer als die Gefahr, sich damit zu infizieren. „Mütter in Tansania könnten das nicht verstehen“, sagt der Münchner Kinderarzt Hübner. „Die nehmen weite Wege in Kauf, um ihre Kinder impfen zu lassen, weil sie andere an den Krankheiten sterben sahen.“ Erschwerend hinzu kommen sogenannte Fake News, die vor allem im Internet kursieren. „Viele Leute informieren sich schlecht und meinen, sie wüssten Bescheid“, erklärt Hübner. „Die Geschichte von Andrew Wakefield ist das beste Beispiel.“ Der britische Arzt hatte Ende der 90er-Jahre die Schreckensnachricht verbreitet, der Impfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln löse Autismus aus. Obwohl dies wissenschaftlich längst widerlegt ist und Wakefield die Zulassung entzogen wurde, hält sich die These hartnäckig. Sie befeuert die Argumentation der Impfgegner und verunsichert Mütter, die eigentlich nur alles richtig machen und für ihr Kind das Beste wollen.

Skeptikern berichtet Hübner von seinem Berufsalltag. „Ich bin seit 1993 Kinderarzt und habe einiges gesehen. Kinder, die an Diphtherie starben, oder weinende Eltern, die sich Vorwürfe machten, ihr Kind nicht geimpft zu haben.“ Erst kürzlich behandelte Hübner auf der Intensivstation der Klinik einen Dreijährigen mit Wundstarrkrampf. „Dass wir Tetanus im 21. Jahrhundert noch sehen müssen, ist eine Katastrophe.“

 

Jahrelange Sicherheitstests

Impfungen sind sicher und verursachen weder Autismus noch Allergien. Das haben zahllose Studien bewiesen. Bevor ein Serum die Marktzulassung erhält, muss sein Hersteller in jahrelangen Tests dessen Wirksamkeit und Verträglichkeit beweisen. Wie jedes andere Arzneimittel sind Impfstoffe freilich nicht ohne Nebenwirkungen. Übliche Beschwerden sind bei bis zu 20 Prozent Rötungen, Schwellungen oder Schmerzen an der Einstichstelle, die aber schnell von selbst abklingen. Bei bis zu zehn Prozent kommt es zu Fieber, Kopfschmerzen, Übelkeit oder Durchfall. Ein Impfschaden besteht laut Infektionsschutzgesetz, wenn gesundheitliche Probleme entstehen, die „über das übliche Maß einer Impfreaktion hinausgehen“.

Besteht der Verdacht auf so einen Impfschaden, muss der Arzt dies dem Gesundheitsamt melden. Die Daten aus ganz Deutschland sammelt das Paul-Ehrlich-Institut im hessischen Langen im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums. Durchschnittlich 207 Anträge auf Anerkennung eines Impfschadens gehen hier jedes Jahr ein, 34 davon bestätigen sich. Kleinere Komplikationen melden Ärzte häufiger: 2016 erreichten die Bundesbehörde 3673 Verdachtsfälle, meist ging es um Schmerzen und Schwellungen an der Einstichstelle sowie Fieber. Verglichen mit jährlich rund 35 Millionen Impfdosen allein bei gesetzlich Versicherten, sind das nicht viele Zwischenfälle.

„Impfschäden sind extrem selten“, bestätigt Hübner. „Doch viele Eltern reiten darauf herum.“ Der Kinderarzt kennt die Einwände der Kritiker nur zu gut. Ein Kind bekäme viele Abwehrstoffe von seiner Mutter? „Stimmt, manche Antikörper überwinden die Plazentaschranke“, erklärt Hübner den sogenannten Nestschutz. „Aber spätestens nach sechs Monaten sind alle mütterlichen Moleküle abgebaut.“ Mehrfachimpfstoffe überfordern das kindliche Immunsystem, meinen einige. „Das ist Quatsch“, entgegnet Hübner. „Der Körper hat es täglich mit zahllosen Mikroorganismen zu tun. Auf eine Impfung kommt es da nicht an.“ Den Termin verschieben sollen Eltern nur bei größeren Infekten mit Fieber. „Ein bisschen Schnupfen spricht aber nicht dagegen“, mahnt Hübner. Denn auch deshalb entstehen Impflücken: weil Eltern die Termine hinauszögern. Verweigern sie das Impfen ganz, ärgert sich Hübner, denn als Arzt sieht auch er sich in der Verantwortung. „Kinder haben ein Recht auf Impfungen. Zudem sollte sich jeder bewusst machen, dass er geimpft zum Schutz der Gesellschaft beiträgt.“

 

Wie Autofahren ohne Anschnallen

Fährt jemand Auto, ohne sich anzuschnallen, ist das sein Problem. Lässt sich jedoch jemand nicht gegen Masern impfen, bringt er jene in Gefahr, die sich nicht impfen lassen können: Neugeborene, Schwangere oder Menschen, deren Immunsystem nach einer Organtransplantation oder Krebserkrankung geschwächt ist. Sie alle sind nur dann vor einer Krankheit gefeit, wenn die Menschen in ihrer Umgebung geimpft sind und den Erreger nicht weitergeben. Herdenimmunität nennt man das. „Vielen fehlt das Bewusstsein dafür“, sagt Hübner.

Cornelia Betsch als Psychologin aus einer ganz anderen Fachrichtung sieht das ähnlich: „Ich würde mir bei Impfgesprächen im Sandkasten mehr Diskussionen über soziale Verantwortung wünschen.“ An der Universität Erfurt erforscht die 39-Jährige, warum sich Menschen für oder gegen das Impfen entscheiden. Drei Viertel der Deutschen befürworten die Schutzmaßnahme, rund fünf Prozent gelten als Gegner. „Und dann gibt es noch die Fence-Sitter“, erklärt Betsch. Die hocken, bildlich gesprochen, auf dem Zaun und können sich nicht entscheiden, auf welcher Seite sie hinabspringen sollen. Jene Unentschlossenen, erklärt Betsch, seien „meist bildungsnahe Menschen, die viel selbst nachlesen und dabei viel Stuss finden“. Impfkritische Internetseiten oder Bücher säen Zweifel in ihren Köpfen. „Und wer Angst hat, etwas falsch zu machen, der macht lieber gar nichts.“

In einschlägigen Internetforen stößt man schnell auf Berichte über Einzelfälle, die schwere Impfschäden davongetragen haben. „Die Geschichten sind sehr bedauerlich und emotional, man kann sie sich deshalb gut merken“, sagt Betsch. „Dagegen kommen nackte Zahlen und Statistiken nur schwer an.“ Sogar Menschen, denen völlig klar ist, dass die Datenlage für das Impfen spricht, geraten angesichts solcher Berichte ins Grübeln, hat die Psychologin herausgefunden. Sie stellte auch fest, dass oft Zeitmangel dahintersteckt, wenn Kinder nicht geimpft sind. „Impfen ist Aufwand“, erklärt Betsch. „Wenn der Sohn noch zum Fußball oder einem Kindergeburtstag muss, passt ein Arzttermin schlecht in den Alltag.“ Man müsste das Impfen einfacher machen, findet die Psychologin.

Wann welche Schutzimpfung erfolgen sollte, veröffentlicht jedes Jahr die Ständige Impfkommission (STIKO) in ihren Empfehlungen. Wer dort nachschaut und fürchtet, dass er einiges nachzuholen hat, ist bei seinem Hausarzt an der richtigen Adresse. Er prüft im Impfpass, ob etwas aufzufrischen ist. Ist das Dokument nicht mehr auffindbar, gibt es zwei Möglichkeiten, sagt der STIKO-Vorsitzende Thomas Mertens: „Am einfachsten ist es, alle Standardimpfungen aufzufrischen, die ein Erwachsener haben sollte. Sollte eine zu viel dabei sein, schadet das nicht.“ Denn das Immunsystem inaktiviert kurzerhand den Erreger aus dem Serum, wie es das gelernt hat. Alternativ testet der Arzt das Blut auf vorhandene Antikörper und sieht, ob eine Impfung fällig ist. Der Mediziner spiele eine Schlüsselrolle bei der Einstellung zum Impfen, sagt Mertens: „Wenn ein Patient Fragen hat, sollte er klare Antworten geben. Zögert der Arzt, schürt das Unsicherheiten.“

 

Eine Impfpflicht könnte auch schaden

Dass es aufgrund von Unsicherheiten bisher nicht gelang, die Masern auszurotten, ärgert den Virus-Experten: „Wir haben unsere Chance noch nicht genutzt, obwohl sie realistisch war.“ Von einer Impfpflicht, wie sie Italien, Frankreich und indirekt auch die USA eingeführt haben, hält Mertens trotzdem nichts: „Sie könnte dem Impfen mehr schaden als nützen. Eher sollten wir alles für eine Bonusregelung tun.“

Eine Prämie für jeden, der sich um seine Impfungen kümmert? Wieso nicht – auch die Erfurter Psychologin Betsch rät von einer Impfpflicht ab. Eine ihrer Studien ergab, dass freiwillige Impfungen dann erst recht vernachlässigt würden, weil die Menschen sich ihre Entscheidungsfreiheit darüber zurückholen. „Eine Pflicht würde besonders die Skeptiker nur verärgern“, sagt Betsch. „Besser fände ich eine Widerspruchslösung wie es sie in manchen Ländern für Organspender gibt: Wer vom Impfen zurücktreten möchte, kann das mit einem Formular erklären.“

Wie auch immer Deutschland seine Impflücken schließen wird: Bis das Masernvirus aus den Kitas verschwunden ist und in Sibirien neben den Pocken steht, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Jeder Einzelne könnte dazu beitragen, dass es nicht mehr allzu lange dauert.

FOCUS Gesundheit: Heute weniger Süßes! Oh, es gibt Kuchen?

Sie essen immer nur ein Stück Schokolade und schaffen die fünf Portionen Obst und Gemüse? Dann lesen Sie diesen Text nicht. Er gilt jenen, die nur schwer widerstehen können
von Sina Horsthemke

 

Seit einem Telefonat neulich liegt auf meinem Schreibtisch eine Gurke. Ich soll sie essen, wenn mich Heißhunger quält. Für mich ist die Gurke ein großes, grünes Mahnmal. Denn in Zeiten, in denen jede Mahlzeit kritisch beäugt wird und jeder Vierte glaubt, er vertrüge etwas nicht, fühle ich mich wie ein unsensibler Trampel. Statt an Laktoseintoleranz leide ich an Ernährungsignoranz.

Ich weiß, was gesund ist. Trotzdem greife ich viel zu oft zu Süßem, Fettigem, Verarbeitetem. Ich esse Fleisch, vertrage Milch und habe noch nie jemanden gefragt, ob Glutamat in meinem Essen ist, denn es ist mir egal. Eine Portion des Müslis, das ich zu frühstücken pflege, deckt zuverlässig ein Viertel der maximalen Tagesmenge jener Fettsäuren, die man besser meiden sollte. Ich mag Gemüse, doch wenn das Kantinenpersonal Pommes serviert, lasse ich Brokkoli links liegen. Wie Menschen es schaffen, nur ein Stück Schokolade zu essen, ist mir ein Rätsel. Ich esse das eine Stück auf dem Weg von der Küche zur Couch – um dort die ganze Tafel zu vertilgen. Dass jeder Zweite meines Alters angeblich gern vor dem Fernseher nascht, bestärkt mich darin noch.

 

Kindergeburtstag im Mülleimer

Süßes esse ich auch bei der Arbeit. Ich schäme mich dabei nicht vor mir selbst, sondern höchstens vor der Putzfrau, die angesichts meines Mülleimerinhalts womöglich an einen Kindergeburtstag denkt. Wenigstens liege ich voll im Trend: 30 Prozent der 30- bis 44-Jährigen essen täglich Schokolade, Gummibärchen oder Kekse. Zum Glück haben mich all diese Naschereien bisher nicht dick gemacht. Aber mir ist durchaus klar, dass ich etwas ändern könnte. Denn von einer gesunden Ernährung bin ich so weit entfernt wie ein Vegetarier vom Lammkotelett. Und mittlerweile beunruhigt mich der Gedanke, dafür irgendwann die Quittung zu bekommen. Führen doch Wissenschaftler mehr als jeden fünften Todesfall weltweit auf eine falsche Ernährung zurück.

Also nahm ich mir kürzlich vor, meine Essgewohnheiten zu ändern: weniger Zucker, weniger Fertiggerichte, weniger verarbeitete Lebensmittel. Ich machte im Supermarkt einen ungewohnten Bogen um die Süßwarenabteilung, nahm zwei Äpfel mit zur Arbeit und bereitete mir am ersten Abend einen riesigen Salat, den ich liebevoll mit Nüssen und Kernen garnierte. Schon nach drei Tagen betrachtete ich mein Vorhaben als gescheitert. Ich hatte einfach nicht widerstehen können, als in der Kantine Schnitzeltag war und die Kollegin am Nachmittag Kuchen anschnitt. Zudem waren die Süßigkeiten vor dem Fernseher längst zur Gewohnheit geworden – statt mich auf meine Lieblingsserie zu konzentrieren, konnte ich nicht aufhören, an Schokolade zu denken.

Ich war frustriert. Das konnte doch nicht so schwierig sein! Um herauszufinden, warum ich esse, wie ich esse, recherchierte ich im Internet und stieß auf einen Ernährungstypen-Test. Mein Ergebnis: Ich gehöre zu den Gehetzten. Das sind jene, bei denen „aufgrund eines vollen Terminplans“ häufig Fast Food und Fettes auf dem Teller landet. Die gehetzten Esser sind getrieben von Heißhunger, vor allem bei der Arbeit. Ich befinde mich in guter Gesellschaft. Einer Umfrage zufolge gelingt es jedem dritten Berufstätigen nicht, sich am Arbeitsplatz gesund zu ernähren. 40 Prozent der Befragten gaben an, vor allem abends viel zu essen – genau wie ich.

 

Ess-Entscheidungen aus dem Bauch

Ich bat den Göttinger Ernährungspsychologen Thomas Ellrott um Rat und erfuhr, dass ich gar nichts dafür kann, wenn ich statt Rohkost Weingummitiere wähle. Ess-Entscheidungen, erzählte er mir, treffe mein Gehirn meistens nicht auf Basis meines Wissens, sondern im wahrsten Wortsinn aus dem Bauch heraus. Eine andere Schwierigkeit hat mit der Evolution zu tun: Möglichst viele Kalorien sicherten unseren Vorfahren das Überleben – sie mussten ständig essen wollen, weil Nahrung rar und der Kalorienverbrauch hoch war. Noch heute, in Zeiten des Überflusses, sind wir darauf gepolt, so viel wie möglich zu uns zu nehmen.

Da helfen nur Verbote, könnte man meinen. Ellrott riet mir davon ab: „In geschlossenen Systemen würden sie funktionieren“, sagte er. „Doch Essen im Alltag findet nicht innerhalb eines geschlossenen Systems statt. Deshalb greifen Sie früher oder später doch zur Schokolade, die Sie eigentlich nicht essen wollten.“ Was dann folgt, nannte der Leiter des Göttinger Instituts für Ernährungspsychologie den „Deichbruch-Effekt“: „Sie vertilgen die ganze Tafel, weil Sie nach dem ersten Bissen denken, jetzt sei ohnehin alles egal.“ Ich fühlte mich ertappt – solche Situationen kenne ich. Fairer und erfolgreicher als Verbote sei es, sich von vornherein Kontingente zuzugestehen. „Sagen Sie sich: Eine Tafel Schokolade pro Woche ist in Ordnung“, meinte der Mediziner, „dann ist ein Deichbruch unwahrscheinlich.“

Dass Schokolade zum Kaffee in Ordnung sei, sage ich mir manchmal auch, wenn ich mittags nur Grünzeug gegessen habe. Auch dafür haben Psychologen ein Fachwort: Licensing-Effekt. Er beschreibt die Tatsache, dass sich Menschen eher Fehltritte erlauben, wenn sie zuvor Gutes getan haben. Aber schon klar: Ein Kopfsalat rechtfertigt keine Fressorgie.

 

Oder einfach nur Hunger?

Ich machte mich auf die Suche nach einer Erklärung für meine Lust auf Süßes und bekam sie von dem Leipziger Ernährungsberater Johannes Hunger – wer so heißt, muss Ahnung haben, dachte ich. „Ständiger Appetit auf Süßes ist in Wirklichkeit einfach nur Hunger“, so der Experte. „Vermutlich haben Sie sich zu oft an Schokolade satt gegessen, anstatt sich eine richtige Mahlzeit zu gönnen. Denn nach der verlangt Ihr Körper eigentlich.“ Sein Rezept dagegen klang einfacher, als ich es umsetzen kann: „Hören Sie auf, bei Hungergefühlen Süßkram zu essen.“ Ich hätte wohl kein geregeltes Mahlzeitenverhalten, vermutete der Ernährungsberater außerdem. „Um keinen Heißhunger zu starten, benötigt Ihr Körper drei feste Mahlzeiten am Tag, bei denen Sie sich ordentlich satt essen.“ Nach drei Wochen wüsste er, dass immer wieder Nährstoffe nachkommen, und hätte zwischendurch keine Panikattacken mehr. „Mund zu und durch“, sagte Hunger streng. „Reißen Sie sich zusammen!“

Süßes liefert jede Menge Kohlenhydrate, und die benötigt der Organismus selten in dem Maße, wie wir sie zu uns nehmen. Ernährungsprofi Hunger empfiehlt, vor dem Verzehr kurz innezuhalten und sich zu fragen: Brauche ich die Energie gerade wirklich? „Kohlenhydrate sind das Turbobenzin für den Körper“, erklärte mir der Experte. „Radsportler füllen damit nach dem Training ihre Speicher wieder auf.“ Der Körper jener Menschen, die nicht stundenlang geradelt sind, verwandelt überschüssige Kohlenhydrate in Fett.

„Ich halte nichts von Low Carb um jeden Preis“, so Hunger. „Doch die meisten essen Kohlenhydrate, wenn sie gar keine brauchen.“ Zum Frühstück sei Weißbrot mit Marmelade in Ordnung, „da kommt der Körper damit zurecht“. Auch mittags sind Kohlenhydrate erlaubt. Nach dem Abendessen jedoch passiert bei den meisten Menschen nicht mehr viel – und dann kann der Stoffwechsel mit Turbobenzin eben nichts mehr anfangen. Ich konfrontierte Hunger mit zwei weiteren Herausforderungen meines Alltags: zu wenig Zeit zum Kochen und ungesunde Snacks unterwegs. Die Lösung des Experten war jeweils dieselbe und hat mit Zeitmanagement zu tun. „Nicht jede schnelle Mahlzeit ist schlecht“, sagte er. „Schieben Sie ein Schlemmerfilet und Tiefkühlbrokkoli in den Ofen – schon haben Sie ein gesundes, eiweißreiches Mahl ohne viel Abwasch. Und wer sagt denn, dass Sie jeden Tag kochen müssen?“

Meal-Prep sei das Zauberwort: systematisches Vorkochen. „Kochen Sie vier bis sechs Portionen auf einmal“, riet mir Hunger, „und zwar nicht mit so kleinem Puppengeschirr, sondern in richtig großen Töpfen.“ Portionsweise eingefroren, könnte ich mir so einen Vorrat für stressige Zeiten anlegen. Auch unterwegs ist gute Vorbereitung laut Hunger alles. „Es fängt schon mit dem Aufstehen an“, sagte er, und wieder fühlte ich mich ertappt. „Stellen Sie den Wecker rechtzeitig, und frühstücken Sie zu Hause. Dann bereiten Sie einfache Snacks vor, damit Sie zwischendurch nicht an der Tankstelle halten müssen.“ Würfel aus Gouda mit Trauben zum Beispiel, Gemüsesticks oder Nüsse. Menschen wie mir, denen sogar das etwas anstrengend erscheint, stellte Hunger das Wochenende in Aussicht: „Stülpen Sie Ihrem Ernährungsvorhaben den Rhythmus Ihrer Arbeitswoche über“, riet er. „Von Montag bis Freitag gibt es weder Süßes noch Fast Food. Samstag und Sonntag dagegen sind Cheat Days, an denen Sie essen dürfen, was Sie möchten.“

 

Kein Bizeps ohne Hanteltraining

Die Frage, die ich dann an den Ernährungsberater richtete, führte schließlich zu der Gurke auf meinem Schreibtisch. Ich sah mich durchaus imstande, mich montags bis freitags zusammenzureißen, und war motiviert, mich dreimal täglich pappsatt zu essen. Doch was, wenn mich unter der Woche trotzdem unnachgiebiger Heißhunger überkommt? Etwa weil in der Redaktion der Abgabetermin für einen Text naht? Ich stellte mir vor, wie Johannes Hunger am anderen Ende der Leitung die Augen verdrehte. „Wenn Sie einen kräftigen Oberarm wollen, dürfen Sie auch nicht den ganzen Tag überlegen, wie Sie das ohne Hanteltraining schaffen!“ Aber, lenkte er ein, falls ich es mal wirklich nicht mehr aushalte: „Essen Sie statt Schokolade Schokopudding, der hat weniger Kalorien. Und wenn Sie bei Tisch wieder nicht gut gegessen haben, verzehren Sie eine ganze Salatgurke. Dann sind Sie garantiert eine Weile satt.“ Auf keinen Fall werde ich die Gurke, die seitdem vor meiner Nase liegt, komplett essen. Aber irgendwie hält sie mich davon ab, die Schokolade auszupacken. Noch.

FOCUS Gesundheit: Werkstatt fürs Gebiss – im Dentallabor

Brücken, Kronen und Veneers – in Dentallaboren entsteht täuschend echter Zahnersatz. Die Techniker arbeiten mit digitalen Hightech-Geräten
von Sina Horsthemke

 

Johannes Trimpl hat seine Arbeit am besten gemacht, wenn man das Ergebnis nicht sieht. Wenn eine Krone unscheinbar zwischen den Nachbarzähnen sitzt oder eine Brücke den gleichen Farbton hat wie das restliche Gebiss. Trimpl ist Zahntechniker im Labor der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik an der Universität München. Pinsel, Sonden, Fräsen und Schleifgeräte liegen an seinem Arbeitsplatz, es riecht nach Zahnarzt. Der 24-Jährige hat die Vergrößerungsbrille abgesetzt, um im Gipsraum ein neues Projekt zu beginnen. Er begutachtet den Gebissabdruck einer Patientin, sie benötige eine Brücke, schreibt ihr Zahnarzt. Trimpl rührt rund 200 Gramm Gips an und drückt die Masse sorgfältig in den Hohlraum, um aus der Negativform eine positive zu machen – das Modell, das ihm als Arbeitsgrundlage dient. „In großen Dentallaboren sind die Techniker oft nur für einen Arbeitsschritt zuständig“, erklärt er. „Bei uns betreut meist jeder sein Produkt vom Abdruck bis zum fertigen Stück.“

 

Schleifen, schweißen, Werkstoffkunde

Zahnersatz ist notwendig, wenn die eigenen Zähne so stark zerstört sind, dass sie nicht im Mund bleiben können. Betrifft der Schaden nur einen Zahn und ist dessen Wurzel noch intakt, reicht eine Krone. Brücken über mehrere Zähne schließen Lücken. Finden sie keinen Halt, stehen Prothesen zur Auswahl. Eine Vollprothese für einen zahnlosen Kiefer hat Trimpl
in seiner Gesellenprüfung gefertigt. Dreieinhalb Jahre dauert die Ausbildung, in der die Arbeit mit Schleif- und Schweißgeräten, Werkstoffkunde und inzwischen auch digitale Techniken auf dem Stundenplan stehen. Die Schüler müssen Schmelzpunkte lernen, Dichten kennen, Physik, Chemie und Medizin pauken. Feinmotorik, ein gutes Sehvermögen und räumliches Denken sind unerlässlich.

Ist der Gips getrocknet, spannt der Techniker das Modell in einen Artikulator. Das Gestell hält die Kiefer zusammen und simuliert natürliche Kaubewegungen. Trimpl sieht so genau, wie die Zähne aufeinanderstehen und die Brücke sitzen muss. „Funktionalität ist das Wichtigste, erst danach kommt die Ästhetik“, sagt Josef Schweiger, der das Labor seit 18 Jahren leitet. „Die Optik gewinnt aber immer mehr an Bedeutung.“ Im nächsten Schritt modelliert Trimpl Ersatzzähne aus Wachs in den Zahnbogen. Sie sind später die Vorlage für den Guss der Kronen. „Die Arbeit mit den verschiedenen Materialien und Technologien ist das Schönste an meinem Job“, findet er. „Kein Produkt gleicht dem anderen, so wird der Beruf nie langweilig.“

Das Leistungsspektrum eines Zahnlabors ist breit. Neben Ersatzteilen fertigen die Techniker Zahnschutz für Sportler, Antiknirsch- oder -schnarch-Schienen sowie Blashilfen für Musiker. Im Labor der Münchner Universität sind zwei weitere Bereiche wichtig: die Ausbildung der Studierenden und die Forschung. Und so malmt, während Trimpl behutsam Wachs in die Form eines Backenzahns bringt, im Keller der Kausimulator vor sich hin. Was ein Mensch in fünf Jahren zerkaut, schafft das Gerät in zehn Tagen: 1,2 Millionen Kaubewegungen mit fünf Kilogramm Belastung. Die Forscher testen hier, wie sich Kunststoff auf Zahnschmelz abnutzt. „Moderne Materialien kommen der Natur sehr nahe“, sagt Laborleiter Schweiger. „Exakt imitieren können wir den menschlichen Zahn aber noch nicht.“

 

Gold hat ausgedient – zu teuer

Optisch halten die Nachbauten spielend mit: Ist aus dem Wachszahn ein Metallgerüst gegossen, schichtet der Techniker Keramik darüber – schon ist der Ersatzzahn für Laien nur schwer von einem echten zu unterscheiden. Als Schweiger vor 34 Jahren in den Beruf einstieg, war Gold das Standardmaterial seiner Zunft. „Ein toller Werkstoff“, schwärmt er. „Doch der Goldpreis hat sich in den letzten 20 Jahren vervierfacht.“ Silikatkeramik hat Edelmetalllegierungen nahezu ersetzt.

In Deutschland gefertigte Kronen, Brücken und Prothesen seien international anerkannt, sagt Daniel Edelhoff, Direktor der Münchner Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik, der vor seinem Zahnmedizinstudium eine Ausbildung zum Zahntechniker absolvierte. Manchmal leitet er Schulungen in den Labors der Flemming Dental Gruppe, eines Konzerns mit 37 Standorten. Mehr als 100 Auszubildende erlernen dort jedes Jahr den Beruf des Zahntechnikers. „Dem dualen Ausbildungssystem ist es zu verdanken, dass deutscher Zahnersatz so geschätzt ist“, meint Edelhoff. Tobias Kiesewetter, Geschäftsführer von Flemming Dental, bestätigt: „Die Handwerkskunst ist hier weit fortgeschritten.“ Von Reisen ins Ausland, um sich dort preisgünstig die Zähne sanieren zu lassen, rät er ab: „Es ist doch eher umgekehrt: Viele Ausländer kommen hierher, um sich die Qualitätsarbeit unserer Techniker zu sichern.“

In der Münchner Poliklinik hat Zahntechniker Trimpl ein Gipsmodell ins dritte Obergeschoss gebracht. Vorsichtig stellt er es in ein Gerät, das aussieht wie eine Mikrowelle. Auf Knopfdruck fährt surrend ein Scanner über das Gebiss, registriert die Form der Zähne, die Zahnfleischkante, den Gaumen – und eine Lücke im Unterkiefer. Zwei Implantate will ein Zahnarzt hier platzieren, und nun ist es Trimpls Aufgabe, die perfekte Position dafür zu finden. Er wird eine Bohrschablone anfertigen, die der Arzt später auf die noch vorhandenen Zähne legt, um die Implantate zu setzen – auf einen Zehntelmillimeter genau. Die Planung erledigt Trimpl am Computer, auf dessen Bildschirm nun eine dreidimensionale Darstellung des Gebisses erscheint. Vor zehn Jahren war das undenkbar, doch im Zuge der Digitalisierung könnte bald sogar das Gipsmodell ausgedient haben: Immer mehr Praxen nutzen Intraoralscanner, um die Abformung direkt im Mund vorzunehmen – ohne lästige Abdruckprozedur.

 

„Schreiben Sie bloß nicht Plastik“

Im Nebenraum hat eine Fräse ihre Arbeit begonnen. Digital gesteuert, fährt sie einen Block aus Kunststoff ab. „Das ist ein Hochleistungspolymer“, erklärt Laborchef Schweiger, „schreiben Sie bloß nicht Plastik.“ Der industriell hergestellte Rohling sei absolut homogen und deshalb ein perfekter Werkstoff. Flöckchen davon fliegen unter der Fräse in alle Richtungen, und bald ist in dem elfenbeinfarbenen Block die Form eines Kiefers zu erkennen. In knapp drei Stunden wird neben Krümeln eine Knirschschiene zurückbleiben. CAD/CAM nennen Experten die computergestützte Fertigung von Zahnersatz. CAD heißt „computer-aided design“, also die Konstruktion von Objekten am Computer, womit auch Architekten arbeiten. CAM steht für „computer-aided manufacturing“, die computergestützte Fertigung.
Neben der digitalen Fräse steht Schweigers ganzer Stolz: ein 3-D-Drucker. Die Technik ist noch nicht so weit, dass Kronen und Brücken daraus dauerhaft verbaut werden, doch zur Produktion von Implantat-Bohrschablonen ist das Gerät oft im Einsatz. Per USB-Stick füttern die Techniker es mit Daten, woraufhin aus Flüssigpolymer binnen 45 Minuten das Druckwerk entsteht. Ziel der nächsten Jahre sei, so Schweiger, 3-D-gedruckte Zähne so zu standardisieren, dass sie gemäß Medizinproduktegesetz im Körper verbleiben dürfen.

Ein paar Stockwerke tiefer befindet sich eine der letzten Stationen, die ein Ersatzzahn im Labor passiert: der Raum, in dem Farbe ins Spiel kommt. 16 natürliche Zahnfarben gibt es, von A1 bis D4, von rötlichem Weiß bis zu grünlichem Grau. Die hellste Farbe ist B1. Bis eine Krone echt aussieht, vergehen hier weitere zwei bis drei Stunden. Mit einem Pinsel bemalt der Techniker die Verblendung mit Keramikfarbe, die eingebrannt und mit Glasurmasse versiegelt wird. Ein Klecks Himmelblau ist auf der Palette zu sehen. „Für die Kanten der Schneidezähne“, erklärt Schweiger. „Nur dann wirken sie natürlich.“

Auch Trimpls Brücke erhält hier das letzte Finish. Vier Wochen hat die Patientin auf das Ersatzteil gewartet, das sich dank der präzisen Arbeit perfekt ins Gebiss einfügen wird. Wie jeder Zahn, der Schweigers Labor verlässt, ist es ein handgefertigtes Einzelstück, das nur einem Menschen passt. „Schön an unserem Beruf ist“, sagt Schweiger, „dass wir das Ergebnis in den Händen halten, nachdem wir viel Zeit und Mühe investiert haben.“ Am besten natürlich eines, das im Mund unsichtbar ist.

CAVALLO: Strahlentherapie bei krebskranken Pferden

Im Kampf gegen Krebs bei Pferden gibt es eine neue Waffe: den Linearbeschleuniger. In einem kleinen Ort in Hessen setzen Tierärzte ihn erfolgreich ein
von Sina Horsthemke

 

Es ist elf Uhr vormittags, als das Beruhigungsmittel in Daiquirys Halsvene läuft. Ruhig steht die Haflingerstute in ihrer Box. Ob sie weiß, was jetzt kommt? Seit einigen Tagen wohnt die Achtjährige nun im hessischen Ort Linsengericht. In einem ganz normalen Stall, könnte man meinen: Neben ihr malmt ein Rappe sein Heu, es riecht nach Sägespänen, die Stallgasse mit zehn Boxen ist hell und aufgeräumt. Doch das Gebäude ist Teil einer Klinik. Die Ärzte der Equinox Healthcare GmbH sollen Daiquirys Krebs heilen. Heute findet die vierte von sechs Bestrahlungen statt.

 

Wenn auf der Stallgasse die Sinne schwinden
Mit der Lebenserwartung steigt auch bei Pferden das Risiko von Tumorerkrankungen. Am häufigsten ist das Equine Sarkoid (44 %), ausgelöst von Papillomaviren. Auch Plattenepithelkarzinome kommen öfter vor – der weiße Hautkrebs macht bei Pferden etwa jede vierte Tumorerkrankung aus. Das Spindelzellsarkom, an dem Daiquiry leidet, ist ein bösartiger Weichteilgewebetumor, der bei der Stute überm Auge wächst. Eine OP und eine Chemoinjektionstherapie haben nicht geholfen, nun hat der Krebs die Knochenhaut erreicht. Die Bestrahlung ist die letzte Hoffnung für die Besitzer. Hilft sie nicht, droht ihr Pferd zu erblinden und am Krebs zu sterben.

Zwei Assistentinnen führen Daiquiry aus dem Stall. Der Rappe aus der Nachbarbox wiehert ihr nach, doch das scheint die Stute kaum zu hören: Das Beruhigungsmittel wirkt bereits und Daiquiry stakst etwas ungelenk über den gepflasterten Weg ins Klinikgebäude. „Ich verstehe, dass man sein Pferd wegen eines Tumors nicht einschläfern lassen will“, sagt Dr. Janine Brunner. Die aus der Schweiz stammende Tierärztin leitet die Veterinärmedizin der Equinox-Healthcare-Klinik seit der Eröffnung im Spätsommer 2017. „Fand man früher bei Pferden einen Tumor, waren das meist schlechte Nachrichten“, so die 33-Jährige, die mit ihren Kollegen mittlerweile rund 80 Pferde behandelt hat. „Heute können wir etwas tun.“

Verbreitet ist die Strahlentherapie bei Pferden allerdings noch nicht: Während es in den USA „bereits in sechs Einrichtungen möglich ist, Pferde mit Krebs zu bestrahlen“, so Brunner, gibt es in Europa nur zwei Kliniken, die Strahlen­therapie für Großtiere anbieten: eine in Cambridge, Großbritannien, und die andere hier, mitten im Industriegebiet von Linsengericht. „Ein Drittel unserer Patienten kommt aus dem Ausland“, berichtet Brunner.

 

Stopfen ins Ohr, Salbe ins Auge, Beine am Haken
Um neun Minuten nach elf knickt in der Ablegebox Daiquirys Hinterhand weg. Ein kritischer Moment: Die gerade injizierte Narkose wirkt schnell und das 450 Kilo schwere Pferd kann sich nicht mehr auf den Beinen halten. Es darf sich jetzt auf keinen Fall verletzen: Acht Hände stützen die Stute und greifen ihr in Mähne und Schweif, sodass sie an die Gummiwand gelehnt kontrolliert zu Boden sinkt.

Jetzt geht alles ganz schnell: Mit routinierten Griffen versorgen die Assistentinnen das liegende Pferd mit Ohrenstopfen, damit es sich beim Aufwachen nicht erschreckt, und Augensalbe, weil es unter Narkose nicht mehr zwinkern kann. Tierpfleger André Nayderski legt Gurte um jedes Pferdebein – und binnen Sekunden hängt Daiquiry in der Luft an einem Haken. Zwei Tonnen hält der Kran – da ist ein Haflinger ein Leichtgewicht. „Pferde mit nur 450 Kilo sind tatsächlich die handlichsten.“ Brunner erzählt von einem 900 Kilo schweren Percheron-Kaltblut, das sie behandelt hat. „Einmal war auch ein Shetty da. Für das hätten wir den Kran eigentlich gar nicht gebraucht.“

Ein Architekturbüro, das Krankenhäuser für Menschen konzipiert, hat die Pferdeklinik in Linsengericht geplant – zehn Jahre vergingen von der Idee bis zur Eröffnung. „Normale tiermedizinische Strahlentherapie-Einrichtungen sind für Pferde oft zu klein“, sagt Brunner. „Sie haben zu schmale Türen und keine Tische, die ein Großpferd tragen.“ Dass sie nun zu einem Tisch transportiert wird und kopfüber durch die Halle schwebt, bekommt Daiquiry nicht mit. Schweif und Oberlippe hängen herab, eine Helferin stützt den Pferdekopf. Beatmet werden muss das Tier nicht – dafür ist die Narkose zu schwach. Der Tisch, auf den der Kran die Stute hievt, lässt sich rollen, trägt bis zu einer Tonne und besteht aus strahlendurchlässigen Kohlefasern. Mitsamt Pferd schieben die Helfer ihn in den Nebenraum, wo vor kahlen Betonwänden das Herzstück der Klinik steht: der Linearbeschleuniger. Erfunden für die Humanmedizin, rettet das Gerät hier nun Pferdeleben.

 

Manche Tumore schmelzen dahin, andere sind hartnäckig
Neben Chirurgie und Chemotherapie ist die Strahlentherapie eine von drei Säulen der Krebsbehandlung. Das Prinzip ist einfach: Photonen- oder Elektronenstrahlung schädigt das Erbgut der Krebszellen, sodass diese absterben. Je nach Tumorart dauert es unterschiedlich lange, bis die Wirkung sichtbar ist. „Krebs im Lymphgewebe schmilzt regelrecht dahin“, berichtet die Tierärztin. „Spindelzell­sarkome wie bei Daiquiry verschwinden erst nach einigen Monaten.“

Die meisten Pferde erhalten sechs Bestrahlungen. Es gibt Tumore, für die nur drei Behandlungen notwendig sind; doch wenn ein Pferd den Tumor am Auge hat, „dürfen wir die Dosis nicht so hochfahren und planen bis zu zehn Sitzungen“, so Brunner.

Dass die Strahlen auch das Erbgut gesunder Zellen angreifen, ist ein Nachteil der Therapie. So gut es geht versuchen die Tierärzte deshalb, nur den Tumor zu treffen: indem sie per Computer-Tomographie detaillierte Bestrahlungspläne erstellen und die Strahlung mithilfe von individuell gefertigten Metallblenden millimetergenau platzieren. „Strahlentherapie ist mit Chirurgie vergleichbar“, sagt Brunner. „Wer Erfolg haben will, muss genau wissen, wo sich der Tumor befindet – und wo nicht.“ Je präziser die Ärzte arbeiten, desto eher halten sich die Nebenwirkungen in Grenzen. Dennoch müssen Pferdebesitzer damit rechnen, dass es lokal zu Fellverlust, Rötungen oder am Auge zu Linseneintrübungen kommt.

Mit Photonen oder Elektronen auf Krebszellen zu schießen, ist auch in der Tiermedizin die letzte Option. „Die Strahlentherapie kommt erst zum Einsatz, wenn andere Möglichkeiten versagt haben“, so Brunner. Bei vielen Tumoren am Auge etwa kämen „chirurgische Maßnahmen nicht infrage“. Auch an den Beinen, den Geschlechtsorganen oder am Anus sind Krebsgeschwüre bei Pferden oft nicht chirurgisch heilbar.

Daiquiry liegt auf der Seite, den Kopf auf ein Kissen gebettet. Mit zwei Helferinnen richtet Brunner den Tubus des Linearbeschleunigers direkt auf den Tumor. Vanessa Köhler drapiert den Schweif der Stute herzförmig. „Das soll ihr Glück bringen“, sagt die tiermedizinische Fachangestellte.

 

Die Bestrahlung ist in Nullkommanichts vorbei
Erst als der letzte Mensch den Raum verlassen hat, schließt sich das 40 Tonnen schwere Strahlenschutztor: Niemand darf sich während der Behandlung in der Nähe des Linearbeschleunigers aufhalten. Dosis, Dauer, Eindringtiefe: Alle Daten sind im Computer gespeichert. Eine Minute und 42 Sekunden dauert Daiquirys Bestrahlung, die davon nichts spürt. Tierärztin und Assistentinnen verfolgen an mehreren Monitoren die stille Prozedur. Dann öffnet sich die Schleuse automatisch. Vom Tisch zum Kran in die Aufwachbox: Daiquiry hat den Rückweg hinter sich, liegt nun auf rutschfestem Boden.

Umgeben von gepolsterten Wänden bleibt die Stute hier, bis sie es trittsicher zurück in den Stall schafft. „Bei Kleintieren ist es üblich, die Narkose wegzuspritzen, damit sie schneller aufwachen“, so Brunner, „doch Pferde lässt man wegen der Verletzungsgefahr so lange schlafen, bis sie koordinativ wieder voll auf der Höhe sind.“ Wenige Minuten vor zwölf Uhr stellt Daiquiry vorsichtig die Vorderbeine auf und hievt sich mit einem Ruck auf die Hufe. Noch etwas wackelig geht die Stute ein paar Schritte im Kreis.

Dass sie wieder gesund wird, ist wahrscheinlich – mit Daten jedoch kaum zu belegen: Zu neu ist der Einsatz der Strahlentherapie bei Pferden. „Unsere Erfahrung zeigt jedoch, dass sich auch dieser Tumor vermutlich zurückbildet“, sagt Brunner. Wie zur Bekräftigung scharrt Daiquiry ungeduldig mit dem Vorderhuf.

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FOCUS Gesundheit: Wie Roboter im Pflegealltag helfen

Tabletten abzählen, Essen reichen – weltweit tüfteln Forscher an Robotern, die im Klinikalltag assistieren. Offen ist allerdings, ob die Patienten die humanoiden Pfleger annehmen werden
von Sina Horsthemke

 

Obwohl Justin erst zehn Jahre alt ist, hat er die Kraft eines Erwachsenen. Seine blauen Arme sind so stark, dass er einen Kasten Bier tragen kann. Sie sind so lang, dass er Gegenstände aus 2,70 Meter Höhe greift. Trotz seiner 200 Kilo hält Justin auf seinen Rollen locker mit gehenden Menschen mit. Im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), wo Wissenschaftler den Roboter entwickelt haben, hat er alle Hände voll zu tun. Er übt für zukünftige Mars-Missionen. Und dafür, bald in einem Krankenhaus die Pflegekräfte zu unterstützen.

Dass Roboter in Kliniken Getränke reichen, Betten aufschütteln oder Medikamente holen, könnte in einigen Jahren Realität sein. Pflegekräftemangel und der demografische Wandel forcieren die Weiterentwicklung digitaler Lösungen auf Krankenhausstationen: Bis zum Jahr 2030, also in gut elf Jahren, wird die Anzahl der Pflegebedürftigen Prognosen zufolge um 50 Prozent gestiegen sein. Dies erhöht den Personalbedarf, eine halbe Million Vollzeitkräfte in Deutschland wird fehlen. Hier sollen Justin und seine Freunde einspringen. Allerdings muss niemand fürchten, sich gesundheitlich bald in die Hände eines Maschinenparks zu begeben. Experten sind sich einig, dass sich Roboter nie allein um Patienten kümmern werden – aus ethischen Gründen.

„Smile“ heißt das Pilotprojekt, mit dem das DLR gemeinsam mit der Caritas die Tauglichkeit von Weltraumrobotern in der Pflege testet. Das Kürzel steht für „Servicerobotik für Menschen in Lebenssituationen mit Einschränkungen“. Neben Justin ist Edan im experimentellen Einsatz. Zentrales Element dieses Roboters auf einem Rollstuhl ist ein mehrgliedriger Arm mit Greifhand. Gesteuert über feine Muskelimpulse, hilft Edan Patienten mit starken motorischen Einschränkungen bei alltäglichen Dingen wie Essen oder Trinken. Und setzt dabei künstliche Intelligenz ein.

„Edan nutzt sein Wissen über die Welt, um vorherzusehen, worauf der Patient hinauswill“, erklärt Alexander Dietrich, der am DLR in Oberpfaffenhofen bei München das „Smile“-Projekt leitet. Versteht der Roboter etwa, dass der Patient ein Wasserglas greifen möchte, passt er seine Bewegung an, um den Griff zu präzisieren.

Roboter sind Arbeiter, Helfer, wie das Wort sagt. Der Begriff geht auf den tschechischen Science-Fiction-Schriftsteller Karel Capek zurück. Er verwendete ihn 1920 erstmals in einem seiner Dramen. Im Westslawischen bedeutet „Robota“ Arbeit oder Fronarbeit. Der weltweit erste mobile Roboter entstand im Jahr 1968 in Japan. In Deutschland nahm die Robotik in den 70er-Jahren Fahrt auf – zunächst vor allem in Form von Industrierobotern für die Automobil- und Kunststoffherstellung. Später gesellten sich Laufroboter auf zwei Beinen dazu. 1998 entstand am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie und Automatisierung in Stuttgart der Care-O-Bot I, einer der ersten Assistenzroboter für den Haushalt.

Es erscheint vielleicht nicht als technische Meisterleistung, dass Justin in der Lage ist, einem Patienten seine Tabletten zu bringen. Der Vorgang ist für Menschen einfach, für Maschinen aber hochkomplex, erklärt Ingenieur Dietrich: „Justin benötigt dafür eine Karte des Raums, in dem er sich befindet. Außerdem braucht er eine Objektdatenbank, um zu wissen, wie Medikamente aussehen. Er erfasst seine Umgebung mit Kameras, fährt zum richtigen Schrank, plant seine Bewegungen und greift die Tablettenpackung, ohne sie zu zerdrücken.“ Die taktile Sensorik in Justins Händen erkennt, welches Material er vor sich hat, ob er zudrücken darf oder nicht. „Leider sind Justins Hände noch ziemlich überdimensioniert“, sagt Dietrich. „Das macht ihn manchmal etwas ungeschickt.“

Justin kann Patienten nicht waschen oder umbetten. Doch in nicht allzu ferner Zukunft könnten er und seine Kollegen im Krankenhaus Assistenten sein. Bis zum Jahr 2030 wird die Zahl der Krankenhausbehandlungen um 13 Prozent auf 20 Millionen Fälle pro Jahr steigen, prognostizieren Experten. Glaubt man der Gewerkschaft V.erdi, reicht das Personal in deutschen Kliniken schon jetzt nicht mehr für eine gute Versorgung.

Die Japaner erkannten bereits in den 80er-Jahren, dass Robotertechnik den Fachkräftemangel in der Pflege kompensieren könnte. So stammen die meisten Assistenzsysteme, die auf Kranken- und Altenpflege programmiert sind, von asiatischen Ingenieuren. Auf Basis des Roboters Riba beispielsweise, der schon 2009 in der Lage war, einen Patienten aus dem Bett zu heben, entstand Robear. Der 140 Kilogramm schwere Assistent sieht aus wie ein Teddy und trägt bettlägerige Menschen in den Rollstuhl. Eben- falls von einer japanischen Hochschule kommt Terapio. Hellgrün und von tonnenförmiger Figur, folgt der Assistent den Ärzten bei der Visite und zeigt die passende Krankenakte, sobald er das Gesicht eines Patienten erkennt.

Asiaten sind gegenüber Robotern aufgeschlossener als Europäer. Doch die Technik boomt auch hierzulande. In immer mehr Haushalten arbeiten Staubsauger- oder Mähroboter. Die Zahl der Patentanmeldungen für „Technologien der vierten industriellen Revolution“, kurz 4IR genannt, ist binnen drei Jahren um 54 Prozent gestiegen.

Dennoch bereitet die Vorstellung von Robotern in der Pflege vielen Deutschen Unbehagen. Nur 56 Prozent beantworteten die Frage, ob später ein digitaler Assistent sie pflegen dürfte, mit Ja – wenn es keine Alternative gäbe oder wenn sie dank des Roboters weiter zu Hause wohnen könnten oder rund um die Uhr betreut würden.

Ob Patienten einem Roboter vertrauen, hängt davon ab, wie menschlich dieser wirkt. Deshalb arbeiten Wissenschaftler auch an deren Persönlichkeit. Sie erforschen die Wirkung von Stimme, Satzbau, Blickrichtung, Ansprache und Gestik. Mittlerweile wissen sie, dass Roboter mit leicht geneigtem Kopf freundlicher erscheinen und glaubwürdiger, wenn ihre Gestik zum Gesagten passt. Versuchspersonen berichten in ihrer Einschätzung von einem Gruselgraben, auf Englisch Uncanny Valley. Demnach steigt mit der Menschenähnlichkeit zunächst die Vertrautheit mit einer Maschine, sinkt aber drastisch, sobald eine Figur zwar einem Menschen ähnelt, aber leblos wirkt.

Wie Menschen auf Roboter reagieren, erforschen Dietrich Stoevesandt und Patrick Jahn am Universitätsklinikum Halle. Gemeinsam leiten der Facharzt für Diagnostische Radiologie und der Pflegeforscher das Projekt „Format“, für das sie Roboter im Pflegebereich testen. Eine wichtige Arbeit, denn fast nirgendwo sonst sind Klinikalltag, Pflegeforschung und Technologie so eng vernetzt. „Von künstlicher Intelligenz in der Pflege sind wir noch weit entfernt“, sagt Jahn, der an seiner Universität auch die Stabsstelle Pflegeforschung leitet. „Aber wir arbeiten nach dem Berta-Benz-Prinzip.“ Als erste Praktikerin probierte die Ehefrau des Automobilentwicklers dessen Fahrzeuge im Alltag, obwohl Pferdekutschen damals schneller, zuverlässiger und komfortabler waren. „Sie hat nicht gewartet, bis man mit 100 PS über die Autobahn fahren konnte. So machen wir es mit der Robotik“, sagt Jahn.

Für ihr Projekt beschafften die Forscher den Roboter Pepper. „Wir haben uns bewusst für ein Modell entschieden, das man kaufen kann“, sagt Jahn. „Denn mit Prototypen ist auf Krankenhausstationen noch nicht viel anzufangen.“ Pepper, den in Halle alle Thea nennen, kostet gut 20.000 Euro. Der Roboter ist das Ergebnis einer französisch-japanischen Zusammenarbeit und erfüllt die Merkmale des Kindchenschemas: rundes Gesicht, große Augen, kleine Nase, kleines Kinn. Als Berater in Einkaufszentren kam der 1,20 Meter kleine Roboter gut an. Auch im Universitätsklinikum Halle finden alle Thea niedlich. „Nun müssen wir ermitteln, ob sie auch in einem ernsthaften medizinischen Kontext stehen kann“, so Radiologe Stoevesandt.

Einen Arzt braucht Thea nicht zu ersetzen. Aber in Halle hat sie versuchsweise bereits das Informationsgespräch vor einer MRT-Untersuchung übernommen. „Wir wollen herausfinden, wie die Patienten reagieren, ob sie verstehen, was Thea sagt, und ob sie sich das Gesagte gut merken“, erklärt Projektleiter Stoevesandt. Forscher Jahn, der selbst einmal Pfleger war, findet es „wichtig, wenn Roboter Hilfsarbeiten übernehmen könnten und das Personal dadurch Wege spart. Das jedenfalls wäre eine mögliche Form der Entlastung.“

Aus Stoevesandts Sicht müssen sich Pflegekräfte keine Sorgen machen, dass die Roboter ihnen Arbeitsplätze wegnehmen. Dennoch wird sich einiges tun. „Die Revolution durch Robotik wird der industriellen Revolution ähnlich sein“, sagt Stoevesandt. „Doch gerade die Pflege basiert auf der Interaktion mit Menschen, die nicht einfach ersetzbar ist.“

In Halle soll Thea in Zukunft als intelligente Stationshilfe arbeiten und etwa den Patienten mitteilen, wann sie zu Untersuchungen abgeholt werden. Denkbar wäre auch, so Jahn, dass der Roboter Patienten mit Demenz anspricht, sobald diese die Station verlassen wollen, und dann das Pflegepersonal darüber informiert. „Das wäre technisch machbar. Aber es muss in Abstimmung mit den Ethikern erfolgen.“

Hier kommt Oliver Bendel ins Spiel. Der Wirtschaftsinformatiker der Fachhochschule Nordwestschweiz ist beileibe kein Robotergegner, aber er weiß um ihre – menschengemachten – Tücken. „Mein Herz schlägt für Roboter. Aber mit Servicemaschinen, egal, ob im Einkaufszentrum oder im Krankenhaus, handeln wir uns Spione ein, die uns ausschnüffeln könnten“, sagt er. Roboter, die Pflegekräfte unterstützen, würden zwar manchen Bandscheibenvorfall verhindern und die Autonomie der Patienten verbessern. Zugleich bestehe aber das Risiko, dass die Geräte missbraucht oder gehackt würden und die Beteiligten nicht mehr Herr ihrer Daten seien. Die Patienten sollten daher, so Bendel. selbst beurteilen, ob die Chancen die Risiken überwiegen. „Zudem brauchen wir roboterfreie Räume und Gesetze gegen Missbrauch.“ Da die bisherigen Richtlinien die Robotik nicht ganz abdecken, fordert auch das EU-Parlament neue Vorschriften mit klaren ethischen Prinzipien.

Neben dem heiklen Thema Datensicherheit beschäftigt sich die Ethik mit der Menschlichkeit beziehungsweise deren Fehlen. „Berührungen von Robotern vermitteln weder Wärme noch Geborgenheit. Auch der Geruch fehlt“, sagt Bendel, Autor des gerade erschienenen Buches „Pflegeroboter“. „Echten sozialen Kontakt kann kein Roboter herstellen.“ Ersetzen sollen Roboter die Pflegekräfte deshalb nicht, da sind sich die Experten einig. „Technisch wäre es vielleicht in 30 Jahren möglich, dass Krankenhauspatienten morgens zuerst durch eine Waschstraße laufen und dann von Robotern gefüttert werden“, so Bendel. „Doch das wäre ein Horrorszenario, das wir auf keinen Fall zulassen dürfen.“ Mit gefühllosen Maschinen allein ist Gesundheit nicht möglich. Im Falle seiner eigenen Pflegebedürftigkeit wünscht sich der Ethiker eine Kombination aus Menschen und Robotern. „Aber nur, wenn ich weiß, wer meine Daten sieht.“

In manchen medizinischen Bereichen sind Roboter schon heute besser als Menschen. Sie erkennen manche Haut- und Augenerkrankungen nachweislich zuverlässiger als ein Arzt, helfen im Operationssaal und merken sich mehr Diagnosen als jeder Medizinstudent. Die menschliche Wärme der Pflegekräfte werden Justin, Edan und Thea aber nicht ersetzen. Vorerst zumindest.