STERN: Fünf Wochen an Bord eines Rettungsschiffs

Beim Versuch, auf der Flucht das Mittelmeer zu überqueren, sterben jährlich Tausende Menschen. Private Organisationen auf See retten manchen das Leben. Das ganze Ausmaß des politischen Versagens können sie jedoch unmöglich auffangen. Eine ganz persönliche Bilanz nach fünf Wochen auf der „Humanity 1“

von Sina Horsthemke

Während ich auf der Brücke der „Humanity 1“ diese Zeilen schreibe, kämpft sich das Schiff Richtung Westen. Nicht schnell wegen des Gegenwinds, aber mit einer gewissen Sturheit, wenn ich das so sagen darf. Die Wogen des Mittelmeers, heute tiefblau, tragen schäumende Gischt. Vor vier Wochen hätte mich das seekrank gemacht, doch mein Körper hat sich an das Schwanken gewöhnt. Zwei Meter Wellenhöhe trägt der Kapitän ins Logbuch ein, dann beendet er seine Schicht und übergibt für die nächsten Stunden an den zweiten Offizier.

Seit fünf Tagen sind wir auf dem Rückweg – vom italienischen Bari, wo die 261 Geretteten von Bord gehen durften, ins spanische Burriana, wo die „Humanity 1“ in die Werft muss. Das ehemalige Forschungsschiff, das früher „Poseidon“ hieß, ist nicht mehr im Auftrag der Wissenschaft unterwegs. Es fährt nun im Auftrag der Menschlichkeit: Die Berliner Seenotrettungsorganisation „SOS Humanity“ betreibt das 61 Meter lange Schiff seit August 2022, um Geflüchtete im Mittelmeer vor dem Ertrinken zu retten.

Ohne Telefon, ohne Privatsphäre, ohne Landgang

Vor fast fünf Wochen, Mitte November, bin ich mit 28 anderen in Burriana an Bord gegangen. Ich als Journalistin, andere als Köchin, Übersetzer, Matrosin, Ingenieur, Kapitän oder Krankenschwester. Wir kannten uns nicht. Wir stammen aus verschiedenen Ländern, sind unterschiedlich alt, haben andere Vergangenheiten. Manche fahren seit Jahren zur See, andere waren nie zuvor auf einem Schiff. Verbunden hat uns anfangs nur eins: das gemeinsame Ziel, Geflüchteten das Leben zu retten. Wochenlang mit 28 Fremden auf einem Schiff zu sein, ohne die Möglichkeit zu telefonieren, ohne Privatsphäre, ohne festen Boden unter den Füßen – damals war meine größte Sorge, das nicht auszuhalten. Angesichts dessen, was wir erlebt, gesehen und gehört haben, kommt es mir heute lächerlich vor.

Schwer auszuhalten sind andere Dinge: dass eine durch Spenden finanzierte Seenotrettung überhaupt nötig ist. Dass Politikerinnen und Politiker das Sterben im Mittelmeer hinnehmen. Dass sie wegschauen, wenn wieder einmal ein Schlauchboot kentert. Und dass sie jenen noch Geld in die Taschen stopfen, die im Auftrag der „Grenzsicherung“ das Leid der Fliehenden verschlimmern und gegen Menschen- und Völkerrecht verstoßen.

In den vergangenen Wochen sind die 28 Fremden und ich zu einer Crew zusammengewachsen. Wir haben uns an das Leben an Bord gewöhnt, zuerst im Hafen, dann auf See. Wir haben als Team den Einsatz geprobt: Schnellboot-Manöver geübt, Erste-Hilfe-Kenntnisse aufgefrischt, uns gegenseitig von einem Schlauchboot geborgen. Wir wissen nun, wie man ein Funkgerät bedient, wo an Bord die Feuerlöscher sind und was zu tun ist, wenn jemand zusammenbricht. Wir waren zusammen seekrank, haben gemeinsam gelacht und geweint. Und wir haben gerettet: das Leben von 261 Menschen, darunter Babys und Kleinkinder, Frauen und Männer, Teenager, Geschwister, Familien. Das wäre eigentlich nicht unsere Aufgabe gewesen. Doch ohne uns wären diese Menschen ertrunken oder zurück nach Libyen verschleppt worden – das Land, an dessen Küste sie abgelegt haben in ihren seeuntauglichen Booten. Das Land, das sie auf ihrer Flucht nur durchqueren wollten, das dann aber zur Hölle ihres Lebens wurde.

Der Horror aus Libyen

Ich habe in den Wochen auf der „Humanity 1“ viel über Schiffe gelernt. Und über Libyen. Ich habe verstanden, was „Backbord 20 Grad“ bedeutet und dass man bei Seekrankheit am besten den Horizont anschaut. Was in Libyen passiert, ist dagegen kaum zu begreifen. Habib* aus dem westafrikanischen Guinea zum Beispiel hat es mir erzählt. Wir haben den 26-Jährigen mit 102 anderen aus einem Schlauchboot gerettet, das bereits Luft verloren hatte, mitten auf dem Meer. Niemand der Insassen trug eine Schwimmweste, nicht einmal die Kleinkinder. Niemals hätten Treibstoff und Trinkwasser bis nach Europa gereicht.

Es war Habibs fünfter Versuch, das Mittelmeer zu überqueren. Viermal hatte die sogenannte libysche Küstenwache das Boot, in das er eingestiegen war, abgefangen und die Fliehenden zurück nach Libyen gebracht. Wer bei solch einem illegalen Pullback ins Wasser falle, werde zum Sterben zurückgelassen, sagt Habib, das habe er selbst gesehen: „Die Libyer geben vor, uns zu retten. Aber mit einer Rettung hat das nichts zu tun, darum geht es ihnen nicht.“

Fängt die libysche „Küstenwache“ Geflüchtete ab, schleppt sie die Menschen nicht nur zurück in das zerrüttete Land. Männer wie Frauen landen wie Verbrecher in einer der vielen Haftanstalten und werden teils jahrelang festgehalten. Habib berichtet mir von Folter und Schlägen, von Freunden, die in diesen Lagern verhungert sind. Er ist nicht der einzige. In der Bordklinik der „Humanity 1“ bezeugen Narben, Brandmale, Augenverletzungen und schlecht verheilte Knochenbrüche, was die Geretteten aus Libyen erzählen.

Arbeitssklaven ohne Lohn

Wer keine Folterspuren trägt, hat Glück gehabt, könnte man meinen. Doch das muss für jene, die Libyen durchquert haben, nichts heißen. Amun* scheint körperlich unversehrt. Wie es dem Ägypter seelisch geht, kann ich nur ahnen. Auch er habe einige Jahre Libyen hinter sich, erzählt er mir – als Arbeitssklave. „Wie eine Tomate“ hätte man ihn verkauft und zum Arbeiten gezwungen, auf einer Baustelle etwa. Lohn gab es nie. Erst, als seine Familie ihr Haus verkauft habe, hätte er sich mit dem Geld freikaufen und die Fahrt übers Mittelmeer bezahlen können.

Diese Fluchtroute, eine der gefährlichsten der Welt, ist für viele der einzige Ausweg. Denn selbst, wenn sie sich angesichts der Zustände in Libyen zur Umkehr entscheiden, bleibt der Rückweg in die Heimat versperrt. „Sie lassen uns nicht zurück“, erzählt mir Amun. „Wer Libyen erreicht hat, endet entweder als Sklave oder im Gefängnis. Oder er ertrinkt im Meer.“ Die Chance, die Überfahrt zu überleben, sei klein. Aber oft die einzige auf ein Leben in Freiheit.

Die Crew und ich haben Geflüchtete von vier Booten gerettet. Jedes Mal waren Schiffe mit libyscher Flagge zugegen. Sie umkreisten unsere Schnellboote, einmal forderten uns die teils maskierten Männer während einer Rettung zum Rückzug auf – in internationalen Gewässern, im Unrecht. Als wir sie ignorierten, zeigten sie uns ein Maschinengewehr.

700 Millionen Euro aus Europa – für libysche Milizen

Ich bin keine Politikexpertin, daher kann ich es mir nur so erklären: Offenbar weiß niemand, was in Libyen passiert und wie die Libyer auf See agieren. Wieso sonst beauftragt die Europäische Union (EU) das Land weiter mit dem „Schutz“ ihrer Grenzen? Wieso sonst hat Europa seit 2015 zur „Unterstützung“ Libyens 700 Millionen Euro bereitgestellt, für Schiffe, Waffen und Milizen? Wieso sonst hat die Bundeswehr die libysche „Küstenwache“ jahrelang mit ausgebildet? Wieso sonst ist das von der EU geförderte Italien-Libyen-Memorandum gerade um drei Jahre verlängert worden? Wissen jene, die solch ein Papier unterzeichnen, wirklich, was in Libyen geschieht? Und falls ja: Wie können sie mit diesem Wissen leben?

Die Libyer hätten aufgerüstet, berichteten mir Crewmitglieder, die schon öfter auf See im Einsatz waren. Sie hätten heute mehr Schiffe als vor einigen Jahren, schnellere Schiffe. Bezahlt von europäischem Geld. Dass eines dieser Schiffe, „Sabratah“, schneller ist als die „Humanity 1“, wurde bei unserem Einsatz mehr als 40 Geflüchteten zum Verhängnis. Sie gerieten – außerhalb libyscher Hoheitsgewässer – in einem seeuntauglichen Schlauchboot in Seenot, die Retter aus Deutschland keine zwei Meilen entfernt. Doch „Sabratah“ war vor uns da.

Per Funk wiesen die Libyer die Humanity-Crew an, sich nicht einzumischen und den Schauplatz zu verlassen. Dann zwangen sie die Geflüchteten, darunter mehrere Kinder, auf ihr Schiff, um sie zurück nach Libyen zu bringen. Ein illegaler Pullback im Mittelmeer, finanziert von der EU. Ihn nicht haben verhindern zu können schmerzt. Immerhin sechs Männer konnten wir retten, weil sie ins Wasser fielen oder vor Verzweiflung sprangen. Einer sagte uns später, er wäre lieber ertrunken, statt zurück nach Libyen gebracht zu werden.

Das Mittelmeer ist voller Leichen

Ertrinken ist ein stiller Tod. Ertrinkende schreien und strampeln nicht wie im Film. Atmet ein Mensch Wasser ein, verkrampft zunächst die Stimmritze im Kehlkopf – ein Schutzreflex des Körpers, um die Lunge vor Flüssigkeit zu schützen. Atmen und Schreien wird unmöglich. Wer ertrinkt, erstickt. Seit 2014 sind mehr als 25.000 Menschen still im Mittelmeer ertrunken, die Dunkelziffer liegt höher. Es waren Menschen, die vor Folter, Gewalt oder Hunger geflohen sind und sich in Europa ein besseres Leben erhofft haben. Das Meer, in dem wir im Sommerurlaub so gern baden, ist voller Leichen.

Mich haben die Wochen auf der „Humanity 1“ wütend gemacht. Wütend auf Giorgia Meloni. Kann Italiens neue Ministerpräsidentin mit ihrer kleinen Tochter Weihnachten feiern, ohne an ertrinkende Kinder zu denken? Wütend auf europäische Politiker, die seit Jahren über die Verteilung von Geflüchteten streiten, an einer staatlich organisierten Seenotrettung scheitern und stattdessen die Verstöße der Libyer gegen humanitäres Völkerrecht finanzieren. Wütend auch auf alle, die angesichts überfüllter Schlauchboote nur mit den Schultern zucken. Wären sie genauso gleichgültig, wenn Familien weißer Hautfarbe vor Europas Stränden ertränken?

Sobald wir Spanien erreicht haben, muss die „Humanity 1“ für mehrere Wochen in die Werft. Es fällt mir schwer, nicht an jene zu denken, denen die Seenotretter dann nicht helfen können.

*Namen von der Redaktion geändert

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SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT: Kein Thunfisch, kein Glück

Heftige Regenfälle, Wirbelstürme – für die Fischer auf den Philippinen ist der Klimawandel längst Realität. Dass der Thunfisch abwandert, bereitet ihnen aber noch größere Sorgen.

von Sina Horsthemke

Ernesto Buasan dreht eine Schachtel Zigaretten in den Händen und beißt sich auf die Unterlippe. Der 59-Jährige ist nervös. Auf einem beigefarbenen Plastikstuhl sitzt er vor einem kleinen Büro, in das er gerade einen Zettel gereicht hat. »42,5 Kilo« stand darauf. Das hatte die Waage auf der anderen Straßenseite angezeigt. Es ist das Gewicht von Ernesto Buasans Fang der vergangenen Nacht. Zwei Männer waren nötig gewesen, um den riesigen Thunfisch und auf die Waagschale zu hieven.

Während im Hafenviertel von Tabaco der Tag beginnt, sehnt sich Buasan nach einer Pause. Er hat die gesamte Nacht auf See verbracht und erreichte erst Morgens um sechs Uhr wieder den Hafen von Tabaco; zwei Große Goldmakrelen und den mehr als 40 Kilogramm schweren Gelbflossenthun im Gepäck. Für wieviel Geld er die Fische nun verkaufen kann, weiß er noch nicht. Die Frau im Büro, die den Zettel entgegen nahm, bestimmt die Preise. »Es war eine gute Nacht«, sagt  Buasan. Doch zuvor habe er zehn Tage lang keinen einzigen Fisch fangen können. »Ich musste zu Hause auf San Miguel bleiben und auf gutes Wetter hoffen.«

Extremwetter macht den Fischern zu schaffen

Am Golf von Lagonoy hatte eine Kaltfront geherrscht, weshalb sich niemand auf die raue See wagte. Die Wellen schlugen zu hoch für die Kanus der traditionellen Fischer. Die für diese Jahreszeit ungewöhnliche Wetterlage mit heftigem Regen und starkem Wind brachte die Männer mit den schmalen Booten tagelang um ihr Geschäft. Vor 20 Jahren, sagt Ernesto Buasan, hätte es so etwas nicht gegeben. Aus dem Büro, vor dem er wartet, dreht sich nun Flordeliza Barasona zu ihm um. Die 59-Jährige führt im Hafen von Tabaco eine »Casa«, an die Fischer ihren Fang verkaufen.

»Als meine Kinder noch zur Schule gingen, gehörte ich zu den Frauen am Hafen, die im Akkord den Fisch ausnahmen, den die Männer aus dem Meer mitbrachten«, erzählt die Buchhalterin. »Doch ich wollte mein eigenes Geschäft.« Kaum war das jüngste der fünf Kinder mit der Ausbildung fertig, trennte sich Flordeliza Barasona von ihrem Mann und eröffnete ihre »Casa«, in der sie auch Zubehör wie Angelschnüre, Köder oder Haken verkauft. Für jeden der Fischer bewahrt sie im Büro ein Ringbuch auf, in dem sie akkurat jeden Fang notiert, samt Datum, Gewicht und Preis. Die bunten Kladden stapeln sich  in einem Regal auf dem Schreibtisch. Das rote Buch von Ernesto Buasan liegt nun aufgeschlagen neben dem Taschenrechner, mit dem Barasona die Preise kalkuliert.

Der Thunfisch wandert ab

Ein Gelbflossenthun am Haken eines Kleinfischers ist im Golf von Lagonoy eine Seltenheit geworden. Aufgrund des Klimawandels ist die Temperatur der Philippinensee in den vergangenen Jahre gestiegen. Die Thunfischschwärme haben sich von der Küste entfernt und sind in tiefere, kühlere Meeresschichten abgewandert.16,5 bis maximal 28,9 Grad Celsius sind für die Tiere ideal.

Für Handleinenfischer wie Ernesto Buasan sind die Raubfische mit den gelben Rückenflossen nur noch schwer erreichbar: Die Männer fischen mit einer einzigen Schnur, an der ein Haken hängt – per Hand. Mit ihren Kanus weiter aufs Meer hinaus zu fahren, um den Fischschwärmen zu folgen, ist riskant und aufwendig. Die schmalen Boote sind alles andere als hochseetauglich, zudem sind die Männer für dieselbe Menge Fisch viel länger unterwegs als früher.

Dass der Gelbflossenthun in der Region überfischt ist, macht es nicht einfacher. Auf hoher See sind große Schiffe unterwegs, die mit Treibnetzen, Lockbojen, Ringnetzen oder Langleinen arbeiten. Letztere sind mit tausenden Haken bestückt, Ringnetze kesseln ganze Schwärme ein, Lockbojen gaukeln den Tieren Deckung vor: Hunderte von ihnen lassen sich so aus dem Wasser ziehen. Die industriellen Fangmethoden gefährden den Thunfischbestand und den anderer Arten. Viel zu junge Tiere gehen ins Netz, mit ihnen Haie, Rochen, Schildkröten, Delfine und Meeresvögel. Das lässt Naturschützer aktiv werden, hält die Fischereiflotten aber nicht von der Jagd ab. Zu groß ist in Europa und anderen Teilen der Welt die Nachfrage nach Thunfisch aus den Philippinen. Er wird zu Sushi, landet auf Tiefkühlpizza oder endet in Konservendosen.

Dass die Fischbestände schwinden und das Klima sich verändert, ist auch 85 Kilometer nordöstlich, auf der anderen Seite des Golfs von Lagonoy zu spüren. Hier in Batalay, einem Örtchen auf der Inselprovinz Catanduanes, befindet sich der »Mangrove Eco Parc«, ein zehn Hektar großes Mangrovengebiet, das ein Wiederaufforstungsprogramm gerettet hat. Weil der Meeresspiegel steigt, sind die Bäume nun gefährdet und mit ihnen ein kilometerlanges Ökosystem, das unzählige Vogelarten, junge Fische und andere Wassertiere beherbergt.

Aufgeben ist keine Option

Nur wenige Meter vom Ufer entfernt leben Adela und Rufino Apostolero in Batalay. Sie ist 76 Jahre alt, ihr Ehemann ist 14 Jahre jünger. Jeden Tag fährt der pensionierte Lehrer mit dem Boot die Mangroven entlang und kontrolliert die Unterwasser-Käfige. In den vergitterten Kisten zieht er Flusskrebse auf, um sie später für umgerechnet acht Euro pro Kilo als Delikatesse zu verkaufen. Die Krebse sind eine Alternative zur Thunfisch-Fischerei, die Apostolero noch nicht ganz aufgegeben hat.

Sie sei nicht um ihren Mann besorgt, wenn der auf Jagd gehe, sagt Apostolero. Angst gemacht hat dem Ehepaar allerdings der Taifun »Nock-ten«, im Rest der Welt bekannt unter dem Namen »Nina«. An Weihnachten 2016 fegte der schlimmste Sturm seit 56 Jahren mit Windgeschwindigkeiten von 260 Kilometern pro Stunde über die Philippinen. Die Apostoleros und ihre Nachbarn wurden evakuiert und harrten tagelang in einer Halle aus. »Als wir zurückkamen, war von unserem Haus nur noch das Dach übrig, da auf der Straße lag«, erzählt Adela Apostolero.

Das Paar gab den gesamten Vorschuss auf seine Pension aus, um ein neues Haus zu bauen. »Kommt noch einmal so ein Sturm, dann sind wir obdachlos, denn Geld haben wir jetzt nicht mehr«, sagt der ehemalige Lehrer und lächelt trotzdem. »Das schaffen wir schon irgendwie. Wir haben schon öfter das Haus reparieren müssen.«

Taifune mit starker Zerstörungskraft

Vielleicht sind die Filipinos so gelassen, weil sie Stürme gewohnt sind: Durchschnittlich einmal im Monat wirbelt ein Taifun ihr Leben durcheinander. Nicht alle sind so stark wie Nina, doch die Apostoleros haben den Eindruck, dass die Taifune in den letzten Jahren gefährlicher geworden sind: »Früher kam das Wasser nicht bis ans Haus heran«, sagt Adela Apostolero, »doch jetzt passiert das immer öfter.«

Die Daten aus der Wissenschaft geben der 76-Jährigen Recht: Die globale Erwärmung fördert die klimatischen Bedingungen, unter denen starke Stürme überhaupt entstehen können. Laut Oxfam, einem internationalen Verbund verschiedener Hilfsorganisationen, hat sich in den vergangenen 40 Jahren die Häufigkeit besonders starker Taifune im pazifischen Raum mehr als verdoppelt, in Zukunft dürfte ihre Zerstörungskraft weiter zunehmen. Um ein Drittel, so schätzt die Weltbank, könnten zudem die Regenmengen, die mit den Stürmen aufs Land treffen, anwachsen – und mit ihnen steigt in den Küstenregionen das Überschwemmungsrisiko. Für die Mangrovenwälder in Batalay ist das ebenso fatal wie für die Menschen dort: Taifunen wie Nina halten weder die Bäume noch die Behausungen der Bewohner Stand.

Auf den Philippinen – dem Land mit der längsten Küstenlinie der Welt – ist der Klimawandel Realität. Laut Recherchen des Netzwerks »Correctiv« steht der Hauptstadt das Wasser jetzt schon bis zum Hals: In den vergangenen 50 Jahren ist der Meeresspiegel in Manila um mehr als 80 Zentimeter gestiegen – höher als an jedem anderen Ort der Welt. Im Falle einer Erderwärmung um vier Grad,  das ergab eine Studie internationaler Klimaforscher, sind mit großer Wahrscheinlichkeit weitere 63 Zentimeter zu erwarten.

Ein Gütesiegel für den Fisch

Die Bedingungen, unter denen die Menschen an den philippinischen Küsten leben und arbeiten, werden immer unbequemer. Und mit dem Thunfisch droht die Lebensgrundlage tausender Familien zu verschwinden. Pessimistisch sind die Menschen aus der Region Bicol dennoch nicht. Statt zu verzweifeln, erwägen viele von ihnen Alternativen und versuchen, sich anzupassen: Wer weniger Fisch fängt, eröffnet etwa einen Kiosk in seiner Hütte, um die Schulgebühren für die Kinder trotzdem bezahlen zu können. Wer wegen des Wetters nicht aufs Meer hinaus kann, bietet im Dorf seine Dienste als Tischler an. Und wer trotz allem weiter an den Thunfisch glaubt, der setzt sich dafür ein, dass sein Fang ein Gütesiegel erhält.

Ohne Hilfe funktioniert das aber nicht: Traditionelle Fischerfamilien unterstützt beispielsweise die US-amerikanische Non-Profit-Organisation. Am Golf von Lagonoy setzt sich die Naturschutzorganisation WWF zusammen mit dem lokalen Projektpartner Tambuyog für eine nachhaltigere Thunfischfischerei ein. Das Team  unterstützt die Zusammenarbeit von Handleinenfischern, Behörden und Industrievertretern. Ein Ziel der Arbeit ist das MSC-Siegel für den Thunfisch aus der Region, damit die Fischer am Markt höhere Preise erzielen und sich die Bestände erholen können. Mittlerweile gibt es an manchen Küsten Schutzzonen, wo das Fischen verboten ist. Und viele der 5500 Fischer, die in das Projekt involviert sind, versehen ihren Fang inzwischen mit Zertifikaten, die Auskunft über Fangzeit und Ort geben. Das ist eine wichtige Voraussetzung für den Import in EU-Länder. Damit sich der Gelbflossenthunfisch erholen kann, ist es mittlerweile verboten, Exemplare zu fangen, die weniger als 20 Kilogramm wiegen.

Davon ist der 42,5-Kilo-Koloss, der sich in Ernesto Buasans Haken verbiss, weit entfernt.  Er war der zweitgrößte Thunfisch, den Flordeliza Barasona in ihrer Casa einem Fischer heute Morgen abgekauft hat. Die 59-Jährige schreibt sorgfältig ein paar Zahlen in das rote Ringbuch und reicht Buasan den Taschenrechner, damit er die Ziffern auf dem Display sehen kann. Der Fischer lächelt erleichtert und bedankt sich: 9775 Pesos bietet sie ihm für seinen Thunfisch an, das sind umgerechnet knapp 169 Euro. Dazu noch einmal 500 Pesos – 8,70 Euro – für jede der beiden Goldmakrelen.

Anschreiben für Treibstoff

Das Geld bekommen die Fischer in bar – sofern sie keine Schulden bei Barasona haben. »Viele lassen mittlerweile bei mir anschreiben, wenn sie gerade kein Geld übrig haben und beispielsweise neue Netze oder Treibstoff für die Boote benötigen«, erzählt die 59-Jährige. Bezahlen könnten die Männer später mit Fisch, sobald sie wieder welchen gefangen haben.

Ernesto Buasan hat keine Schulden. Er bricht auf, weil sonst die Ebbe sein Boot aufs Trockene legt. Der Thunfisch, der nachts um drei Uhr anbiss, hat ihm und seiner Familie die Sorgen genommen. Wenigstens vorübergehend.

 

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Triathlon-Magazin: Faris Al-Sultan beim MTB-Training

Um seine Angst zu überwinden, hat sich Faris Al-Sultan Mountainbike-Nachhilfe geben lassen. Wir waren mit dem Hawaiisieger und dem Offroad-Spezialisten Mike Kluge im Gelände

von Sina Horsthemke

 

Rosinante hat noch mal Schwein gehabt. Das alte Mountainbike von Faris Al-Sultan musste doch nicht in den Zittauer Dreck. Fast hätte es auf seine alten Tage noch das ruppige Streckenprofil der ITU-Weltmeisterschaft im Crosstriathlon unter die porösen Stollenreifen bekommen – eine schlammige, anspruchsvolle Rennstrecke über 36 Kilometer rund um den Olbersdorfer See. Dann kam zwei Tage vor dem Rennen vom Sponsor ein neues Arbeitsgerät – gerade noch rechtzeitig.

„Meine alte Rosinante war zu ihrer Zeit eine echte Schönheit“, schreibt Al-Sultan beinahe entschuldigend auf seiner Website. „Aber auf technisch anspruchsvollen Bergabpassagen dachte ich im Training, sie bricht auseinander.“ Gegen das Rad, das dann geliefert wurde, kam Rosinante auch einfach nicht an: hippe 29 Zoll, eine elektronisch gesteuerte Federgabel, die modernste Schaltung – „ein brutales Teil, mit dem ich nicht auf die Schnauze, sondern über den Kurs fliegen werde“, war Al-Sultan begeistert. Dass er am Ende bei der Cross-Weltmeisterschaft im Zittauer Gebirge doch nur als 41. ins Ziel kam, begeisterte ihn weniger; zweistellige Platzierungen sieht man nur selten in der Erfolgsliste des Hawaiisiegers von 2005. Aber: „Es war ein Spaß. Die ersten acht Kilometer waren relativ einfach und bergauf. Danach ging es in den Schlamm, und jegliche sportlichen Ambitionen erstarben.“ Andererseits stand eine vordere Platzierung bei einem Crossrennen ja ohnehin nicht ganz oben auf Al-Sultans Wunschliste für die Saison 2014. Im Gegenteil: „Schlüsselbeinfreundliches Fahren“ war das Ziel für das Rennen in Sachsen und natürlich die Sache an sich: das Abenteuer im Dreck, die Abwechslung.

 

Mehr als nur Glückssache

Dass der Triathlonprofi tatsächlich ohne Schlüsselbeinbruch über die schwierige Radstrecke kam, hat er nicht nur seinem neuen Mountainbike, sondern auch Mike Kluge zu verdanken. Der dreifache Weltmeister im Cyclocross hatte Al-Sultan einen Monat vor dem Rennen Nachhilfe gegeben und dem Münchner bei einem ausführlichen Privattraining in Berlin gezeigt, dass Rosinante durchaus in der Lage ist, schwierige Passagen im Gelände zu meistern, ohne ihren Fahrer abzuwerfen. „Ob ich irgendwo lebend runterkomme, sollte keine Glückssache mehr sein“, begründet Al-Sultan die Aktion.

Eine gute Idee, sich vor einem Rennen im Gelände mit dem Thema Fahrtechnik auseinanderzusetzen. Noch besser war die, ausgerechnet Mike Kluge um Hilfe zu bitten: Wenn einer abseits von Wegen Rad fahren kann, dann er. Der 52-Jährige gewann in den 1980er-Jahren als Amateur einen Titel nach dem anderen und wechselte dann ins Profilager, wo die Erfolge nicht seltener wurden. Fünfmal hintereinander sicherte er sich auf dem Crossrad den Titel des Deutschen Meisters, 1993 folgte DM-Gold auf dem Mountainbike. Auch international bewies Kluge mehrfach, dass er zu den Besten gehört: Nach WM-Gold 1992 gewann er Weltcuprennen in Belgien und Italien und startete bei einigen Mountainbikemarathons, bei denen niemand schneller war.

 

Wie im Schwimm-Trainingslager

Es ist nicht so, dass Faris Al-Sultan vor diesem Zusammentreffen noch nie auf einem Mountainbike gesessen hätte. Zweimal schon war er beim Xterra-Rennen am Titisee angetreten, einmal hatte er das „Cape Epic“ überstanden, ein schwieriges Mountainbike-Etappenrennen in Südafrika. Doch all das war lange her, Rosinante längst verstaubt – und dann war da noch diese Angst. „Ich kann zweifelsohne feste treten und lasse die Leute auf dem Rennrad bergab einfach stehen. Aber sobald ich auf einem Mountainbike sitze, habe ich Todesangst“, gibt der Hawaiichampion zu. „Andere mögen sich sicherer fühlen darauf. Aber ich kriege sofort Hemmungen. Mike hat sich bestimmt gewundert, wie unsicher und ängstlich ich war.“ Hat er nicht.

Aber Mike hat das geändert. Zwei Tage lang hat sich der Cross-Spezialist Zeit genommen für Faris Al-Sultan und seine alte Rosinante, danach waren die beiden wieder ein halbwegs ein- gespieltes Team. „Man kann natürlich nicht innerhalb von ein paar Stunden zu einem besseren Radfahrer werden und die richtige Fahrtechnik sofort umsetzen“, so Al-Sultan. „Aber wenn man erst mal intellektuell verstanden hat, worum es überhaupt geht, dann kann man im Training damit arbeiten – wie nach einem Kurztrainingslager im Schwimmen. Ich habe jedenfalls eine Menge mitgenommen, und Mike hat mir in den zwei Tagen geballtes Wissen über Fahrtechnik und Ausrüstung vermittelt.“

 

Angstaustreibung am Teufelsberg

Der Berliner Teufelsberg an einem Wochenende Mitte Juli. Mike Kluge kann kaum hinschauen, wie unvorteilhaft Faris Al-Sultan auf seiner Rosinante hockt. Der Vorbau zu lang, die Reifen zu alt, der Luftdruck zu hoch – all das ist tatsächlich Grund, während der Fahrt Angst zu haben. „So wie ich es kannte, sitzt man heute jedenfalls nicht mehr auf dem Mountainbike“, so Al-Sultan später. „Und meine Reifen sind in Schräglage auf nasser Straße einfach weggerutscht.“ Dass das passiert, liegt nicht immer am Material, sondern oft am Druck. „Viele fahren im Gelände mit viel zu viel Reifendruck“, meint Kluge. Mehr als zwei Bar sollten es aber nicht sein, und im Idealfall ist vorn etwas weniger Luft drauf als hinten. „Für einen 75 bis 80 Kilogramm schweren Fahrer reichen 1,7 bis 1,8 Bar völlig aus, damit er das Rad auch in Schräglage gut unter Kontrolle hat.“ Ganz schön gewöhnungsbedürftig für einen Triathleten, der sonst mit aller Kraft acht oder mehr Bar in die Reifen seines Aerorenners drückt.

An Rosinantes Rahmengeometrie konnten Al- Sultan und Kluge jetzt, so kurz vor Beginn des dreckigen Crashkurses, natürlich nichts mehr ändern. Aber Kluge macht seinem Schüler schon jetzt eine Neuanschaffung schmackhaft: „Die Vorteile eines 29ers kann man erst ab einer Körpergröße von 1,78 Metern richtig nutzen. Faris, du würdest da wunderbar draufpassen.“ Gut. Dann jetzt los? Nein! Bevor Al-Sultan auf seinem alten Mountainbike vom Weg abkommt, legt Kluge ihm eine Rüstung an. „Wer lernen will zu fallen, sollte Protektoren anziehen“, ist der Cyclocross-Champion rigoros. „Damit man sich nicht jedes Mal wehtut.“ Und damit man lernt, wie sich Fallen überhaupt anfühlt. So könne man den Grenzbereich locker ausprobieren. Überhaupt sei es wichtig, sich im Training mit potenziellen Gefahrensituationen auseinanderzusetzen. „Wenn man weiß, was man dann machen soll, wie man zum Beispiel bei einem plötzlichen Ausweichmanöver sein Gewicht verlagern muss, ist man gleich viel sicherer unterwegs“, erklärt Kluge. „Beim Mountainbikefahren muss man die ganze Zeit extrem konzentriert sein. Zum Beispiel, wenn der Untergrund wechselt oder aus griffigem Boden plötzlich loser Schotter wird.“ Mit diesem letzten Tipp geht es endlich los.

Wenn auch noch nicht in schwierigem Gelände. Auf einem Schotterplatz lernt Al-Sultan zunächst das sichere Bremsen – wer sein Rad jederzeit zum Stehen bringen kann, verliert nämlich schon mal einen Teil seiner Angst. Kluge erklärt: „Angst verursacht Instabilität. Wenn man erst mal das Gefühl hat, jederzeit hart bremsen zu können, auch bergab, dann lässt in der Regel auch die Angst nach. Man muss dafür nur wissen, wie sein Rad funktioniert und wie man es auch in schwierigen Situationen abbremst.“ Das Problem: Viele haben vor hohen Geschwindigkeiten Angst. Aber ausgerechnet das Tempo sorgt auf dem Mountainbike für Sicherheit, auch in unwegsamem Gelände. Kluge vergleicht das Laufrad mit einem Kreisel: „Je langsamer der sich dreht, desto instabiler wird er.“ Auf dem Mountainbike sei es deshalb das A und O, die Bremsen zu beherrschen. Nur nicht in Schräglage, das wäre fatal. Da sollte man es lieber rollen lassen, „denn dann passiert alles langsamer, und man hat mehr Zeit, zu reagieren“. Im Stand hebt Kluge plötzlich Rosinantes Hinterrad hoch in die Luft. Al-Sultan, der sich dabei tapfer im Sattel hält, soll ein Gefühl dafür bekommen, ab wann er sich bergab überschlagen würde. Ziemlich spät eigentlich erst – da geht viel mehr, als er denkt.

 

Hawaii-Sieger am Idiotenhügel

Das gleiche wird dann an einem kleinen Hügel geübt, „am Idiotenhügel“, wie Al-Sultan sagt. Noch ein paar Mal Anfahren am Berg, dann geht es zurück ins Flache: Auf einem Schotter- weg feilen die beiden wieder an der allgemeinen Radbeherrschung. Al-Sultan soll Kreise fahren, die immer enger werden. Und danach einen Hindernisparcours aus Radflaschen im Slalomkurs überwinden – das Vorderrad soll links, das Hinterrad rechts an der ersten Flasche vorbeifahren, dann umgekehrt. Links, rechts, links, rechts – gar nicht so einfach! Und Kluge weiß auch, warum: „Viele können keine engen Kreise fahren, weil sie gar nicht wissen, dass das Vorderrad immer einen größeren Radius fährt als das Hinterrad.“ Was das bedeutet? „Dass das Hinterrad auch mal über einen Stein poltert, um den man das Vorderrad noch elegant herumgelenkt hat.“

Mountainbiken ist Ganzkörperarbeit: Man muss permanent mit seinem Körpergewicht agieren und es ganz bewusst verlagern können. Und die Position auf dem Sattel ist wichtig, schiebt Kluge noch nach: „Je weiter hinten man sitzt, desto besser läuft das Rad geradeaus. Und je weiter vorn man sitzt, desto schneller kann man um enge Kurven fahren.“ Das Problem beim Kurvenfahren: Wenn man zu schnell in die Neigung fährt, geht der Grip verloren. Dann zu bremsen, wäre fatal. Mike Kluges Tipp: „Wenn man den Schwerpunkt absenkt, kann man auch enge Kurven schnell durchfahren. Außerdem muss man stets vorausschauend fahren und dabei permanent nach Ausweichmöglichkeiten suchen.“ Ausweichen ist für Al-Sultan heute keine Option. Schnelle Wenden um 180 Grad, Sprünge über kleine Hindernisse und möglichst geschicktes Auf- und Absteigen stehen als nächstes auf dem Programm. Letzteres zu üben, täte vielen Triathleten gut, findet Al-Sultan. „Man muss sich ja nur mal an den Ausgang einer Wechselzone stellen – das ist zum Totlachen!“

 

Stürze ins Gebüsch

Ein Mountainbike heißt Mountainbike, weil man damit in den Mountains biket – und deshalb geht es jetzt für Al-Sultan an den Hang. Sein größtes Problem: die Überwindung. „Auf Breitreifen bin ich einfach nicht der Mutigste.“ Der wohl wichtigste Rat für alle, die auf dem Mountainbike oder Cyclocrosser weniger ängstlich sein wollen: Ruhe bewahren. Und zwar auch, wenn es mal brenzlig erscheint. Wenn etwa bergab das Hinterrad abhebe, erklärt Kluge, müsse man einfach schnell die Bremse öffnen – schon sei man raus aus der Überschlagssituation. „Da darf man sich vom ersten Schreck nicht übermannen lassen.“ Es folgen ein paar Stürze von Rosinante ins Gebüsch und weitere Tipps von Kluge, dann ist die Abfahrt, die eben so gefährlich aussah, kaum noch ein Problem für Faris Al-Sultan. Kluge ist zu- frieden mit seinem Schüler: „Jetzt fährt er schon viel kontrollierter als am Anfang. Es war wirklich schlau von ihm, mal so ein Fahrtechniktraining zu machen. Ich bin mir sicher, dass er sich auf dem Rad jetzt viel wohler fühlen wird.“
Der Münchner Profi sieht das genauso: „So ein Fahrtraining ist eine echte Bereicherung – für alle Triathleten. Es ist ja teilweise erschreckend, wie schlecht selbst gestandene Profis ihr Rad beherrschen. Die haben das teilweise überhaupt nicht unter Kontrolle.“ Einmal pro Woche will Al-Sultan nun Mountainbike fahren. Mit dem neuen 29er, nicht mehr mit Rosinante. Kluge ist erleichtert: „Mit der kann er höchstens noch Brötchen holen fahren.“

TOUR, das Rennradmagazin: Beim sportärztlichen Check

Einmal im Jahr sollten Hobby-Radfahrer ihren Körper auf Belastbarkeit überprüfen lassen – erst recht, wenn sie an Wettkämpfen teilnehmen. Wir haben an der Uni München einen sportmedizinischen Check samt Laktattest absolviert
von Sina Horsthemke

 

Was gäbe ich jetzt für etwas Fahrtwind. Eine Brise im Gesicht, einen Windhauch auf der Stirn – zur Abkühlung! Aber nein. Kein Lüftchen ist zu spüren, obwohl ich mit einer Trittfrequenz von 78 Umdrehungen pro Minute energisch in die Pedale trete. Eine Schweißperle rinnt mir den Nasenrücken hinab und tropft auf den Linoleumboden. Meine Oberschenkel ziehen, die Schläfen pochen. Ich atme schwer und spüre, dass ich erröte. Wie ein Untrainierter, der nach Weihnachten auf die Idee kommt, joggen zu gehen.

Obwohl ich inzwischen fast mit aller Kraft trete, komme ich keinen Meter voran. Vor mir: das geschlossene Fenster. Neben mir: die medizinische Fachangestellte Kathrin Hedler vom Münchner Zentrum für Prävention und Sportmedizin am Klinikum rechts der Isar. Schon wieder bittet sie mich nun, den rechten Arm vom Lenker zu nehmen, damit sie meinen Blutdruck messen kann. Ausgerechnet jetzt! Längst brauche ich auch die Arme, um meinen Beinen für ihre Arbeit ein Widerlager zu bieten. Sonst kann ich die Kurbeln nicht mehr lange in der geforderten Frequenz kreiseln lassen. Als ich den Lenker für die Messung loslasse, protestiert meine Oberschenkelmuskulatur mit einem Brennen. Fühlt sich so Laktat an?

Laktat, das Salz der Milchsäure, produziert ein Muskel, wenn ihm bei der Arbeit zu wenig Sauerstoff zu Verfügung steht. Diesen bekommt er über das Blut, welches das Gas aus der Lunge im ganzen Körper verteilt. Bei großer Anstrengung reicht der Sauerstoff aus der Luft trotz stärkerer Atemarbeit nicht aus. Zwingt der Kopf die Muskeln dennoch zur Weiterarbeit, machen sie ohne Sauerstoff weiter – und dabei fällt eben Laktat an. Kommt der Körper mit dessen Abbau nicht nach, übersäuern die Muskeln und die Leistung bricht ein.

Ich strample auf diesem Ergometer, weil ich heute ganz genau wissen will, ab welcher Belastung meinen Muskeln der Sauerstoff ausgeht, schlicht gesagt: wie fit ich bin. Gerade denke ich: nicht besonders. Ich versuche, das Brennen in den Beinen zu ignorieren, doch binnen der nächsten zwei Minuten sinkt meine Trittfrequenz auf 60, obwohl ich mit aller Kraft dagegen arbeite. Mein Puls rast, die Lunge brennt, die Oberschenkel beginnen zu zittern. Ich gebe auf. Das war’s – mehr geht nicht. Während der Schmerz nachlässt und ich wieder zu Atem komme, drückt Kathrin Hedler auf meinem Ohrläppchen herum. Ein Tropfen Blut verschwindet im Teströhrchen. Das Messgerät zeigt später an: Er enthält umgerechnet elf Millimol Laktat pro Liter. Der Beweis, dass mein Muskelstoffwechsel am Limit war.

 

EINMAL IM JAHR ZUM CHECK

Warum ich mir das antue? Weil ich sichergehen will, dass mein Training keinen Schaden anrichtet. Meine letzte sportärztliche Untersuchung liegt einige Jahre zurück. Bevor ich mich für die kommende Saison wieder ins Training stürze, sollen Ärzte prüfen, ob mein Herz und mein Kreislauf intensiven sportlichen Belastungen noch gewachsen sind. Zudem brauche ich meine aktuelle Form schwarz auf weiß, weshalb ich zusätzlich zur Basis­Untersuchung einen Laktattest gebucht habe. Er soll zeigen, was im Winter zu tun ist, wenn ich 2019 fit am Start stehen möchte.

„Hobbysportlern, die an Wettkämpfen teilnehmen, empfehlen wir eine sportärztliche Basisuntersuchung einmal pro Jahr, wahlweise mit zusätzlicher Laktat­Leistungsdiagnostik“, sagt Dr. Katrin Esefeld. Die 36­Jährige ist Funktionsoberärztin am Münchner Zentrum für Prävention und Sportmedizin, wo ich soeben den Fußboden vollgeschwitzt habe. Auf dem Rad macht der zweifachen deutschen Meisterin im Duathlon kaum eine etwas vor. Wie schon mehrere Male schaffte sie es auch 2018 beim Ironman Hawaii, der Weltmeisterschaft der Triathleten, aufs Podium ihrer Altersklasse – auch dank eines starken Radsplits, wie die Triathleten die 180 Kilometer nennen.

Dr. Esefeld, Sportmedizinerin und Fachärztin für Innere Medizin, weiß genau, dass eine ver­säumte Herzuntersuchung im schlimmsten Fall fatale Folgen hat: „Unter intensiver Belastung können ein unentdeckter Klappenfehler oder ein verschleppter Infekt zum plötzlichen Herztod führen.“ Fast 60 Sportler, meist Läufer oder Fußballspieler, sterben allein in Deutschland jedes Jahr daran. Die meisten sind ambitionierte Hobbyathleten. Ab dem 35. Lebensjahr ist es vor allem die koronare Herzkrankheit, die für Todesfälle im Sport verantwortlich ist. Bei Jüngeren liegen meist Herzmuskelerkrankungen zugrunde, angeborene Fehlbildungen der Gefäße oder Herzmuskelentzündungen. In Ländern wie Italien und Frankreich sind Hobbysportler deshalb längst verpflichtet, vor dem Start bei etwa einem Radmarathon die Bescheinigung eines Sportmediziners vorzulegen, dass sie der Belastung gewachsen sind. In Deutschland sind sportärztliche Gesundheits­Checks freiwillig. Obwohl immer mehr Krankenkassen die Kosten für die Basis­Untersuchung zumindest teilweise übernehmen, lässt sich aber nur jeder zweite Ausdauersportler durchchecken.

So wie ich – die vor dem Belastungstest schon mit Maßband, Waage und Körperfett­Zange Bekanntschaft gemacht hat. Aus Körpergröße und Gewicht errechneten die Ärzte meinen Body­Mass­Index, aus Bauch­ und Beckenumfang einen Taillen­Hüft­Quotienten von 0,77. Und die Caliperzange biss schonungslos in jede noch so kleine Speckrolle an Trizeps, Bizeps, Brust, Bauch, Oberschenkel, Achselhöhle, Schulterblatt und Taille. Acht Werte, aus denen sich danach mein Gesamtkörperfettanteil ergab. Was ebenfalls zum Basis­Check gehört: eine Blutanalyse, die Messung des Blutdrucks in Ruhe und ein sogenanntes Ruhe­EKG, bei dem Elektroden auf dem Oberkörper die elektrische Aktivität des Herzmuskels im Liegen messen.

Heraus kommt eine Kurve mit regelmäßigen Zacken – doch meine hat eine zu viel. „Das ist ein inkompletter Rechtsschenkelblock“, sagt Dr. Annika Hackemann, die mit mir das EKG­bespricht. Sie deutet mit der Spitze ihres Kugelschreibers auf eine kleine Zacke am Ende jedes Herzschlages. Wie bitte? Bin ich doch nicht sporttauglich? Ist mein Herz krank? Dr. Hackemann, selbst Radfahrerin, beruhigt mich: „Das haben Sportler oft. Durch das regelmäßige Ausdauertraining wird die rechte Herzhälfte mehr beansprucht als bei Nichtsportlern. Dies führt zu Veränderungen im EKG.“ Ein Drittel aller Ausdauersportler, lese ich später, weist aufgrund des regelmäßigen Trainings solche EKG­Veränderungen auf. Der inkomplette Rechtsschenkelblock, wie ich ihn habe, ist häufig, aber harmlos. Zum Glück zeigt auch die abschließende Ultraschall­Untersuchung, dass mit meinem Herzen alles in Ordnung ist.

 

BEI RADRENNEN IM MITTELFELD

Doch wie fit ist es nun, mein Herz? Wie trainiert ist mein Stoffwechsel in der Muskulatur? Meine sogenannte anaerobe Schwelle, das hat die schweißtreibende Ergometer­Fahrt ergeben, liegt derzeit bei schlappen 137 Watt. Wenn ich die trete, zirkulieren in jedem Liter meines Bluts konstant zwei Millimol Laktat. Eine Belastung, die ich eine Weile durchhalten könnte. Damit bin ich zwar fitter als 93 Prozent der Frauen in meinem Alter, versichert mir Sportmedizinerin Dr. Esefeld bei der Abschlussbesprechung. Verglichen mit Radsportlerinnen, die Rennen fahren, ist das jedoch gerade mal „im Mittelfeld“.

Um weiter vorn zu landen, empfiehlt mir Dr. Esefeld drei bis vier Trainingseinheiten pro Woche, davon zwei im Grundlagenbereich, eine gespickt mit Intervallen. „Wenn man sich verbessern will, muss man schon jeden zweiten Tag einen Reiz setzen“, sagt sie. Ich bin hoch motiviert, das zu tun. Und mein Herz, das weiß ich nun, wird gefahrlos mitmachen. In ihrem Bericht zur Untersuchung bestätigt Dr. Esefeld schwarz auf weiß: „Aus sportkardiologischer Sicht bestehen keine Einwände gegen die Fortführung des Trainings.“ Na, dann: los!

FOCUS Business: Profisportler im Management

Weltklasse im Sport gleich Weltklasse im Büro? Immer öfter geht diese Formel auf. Was Unternehmen und Wirtschaft von Top-Athleten lernen können
von Sina Horsthemke

 

Wenn für Thomas Lurz ein Wettkampf so richtig begann, war er bereits bei Kilometer neun. Das Ziel kam mit jedem Kraulzug näher, er setzte sich an die Spitze. Das war seine Taktik, denn er wusste genau: Auf einen Endspurt durfte er es nicht ankommen lassen. „Ich war kein guter Sprinter und musste meine Gegner immer schon vorher müde schwimmen.“ In dieser Phase eines Freiwasserwettkampfs fokussiert zu bleiben, die Nerven zu behalten und trotz brennender Arme keinen Fehler zu machen – das war die Stärke des zwölffachen Weltmeisters. Wusste Lurz, dass ihn niemand mehr einholen kann, vergaß er die Schmerzen. „Kurz vor dem Ziel habe ich oft die größte Selbstzufriedenheit empfunden, manchmal mehr als bei einer Siegerehrung“, sagt der 38-Jährige. „Für diese Momente habe ich trainiert.“
Um sich auf Weltmeisterschaften und Olympische Spiele vorzubereiten, verbrachte Lurz jeden Tag bis zu fünf Stunden im Wasser – rund 24 Kilometer. Dazu noch eine Stunde Kraft- oder Ausdauertraining an Land. Heute, drei Jahre nach der Karriere, profitiert ein Modeunternehmen von seinem Durchhaltevermögen. Als Business Developer erschließt Deutschlands erfolgreichster Schwimmer neue Geschäftsfelder für s.Oliver.

 

Vom Ruderboot zum Filzstift-Giganten
Auf den ersten Blick hat das Modeunternehmen mit einer Wirtschaftsberatung und einem Filzstift-Giganten nicht viel gemeinsam. Doch auch KPMG und Edding beschäftigen ehemalige Spitzensportler: Die zweifache Europameisterin im Hockey, Eileen Hoffmann, arbeitet als Beraterin bei KPMG. Eddings operatives Geschäft führt ein erfolgreicher Ruderer – Thorsten Streppelhoff, der mit dem Deutschland-Achter zwei olympische Medaillen und WM-Gold gewann.
Sind Spitzenathleten die besseren Manager? Fest steht: Viele, die eine erfolgreiche Athletenkarriere hinter sich haben, starten danach in der Wirtschaft durch. Dass sich eine Leistungssportkarriere positiv auf den Erfolg im späteren Beruf auswirkt, belegten Hamburger Ökonomen 2015 mit Zahlen: Bis zu 780 Euro höher ist das durchschnittliche Monatsnettoeinkommen ehemaliger Sportler verglichen mit Nichtsportlern. Als Gründe führen die Wissenschaftler Charaktereigenschaften wie Ehrgeiz, Disziplin und Durchhaltevermögen an. Dass in Leistungssportlern Potenzial für die Wirtschaft steckt, beginnen Unternehmenslenker und Personaler mehr und mehr zu begreifen.

 

Kennwort-Bewerbung für Sportler
Einige Firmen, die das Personalpotenzial aus der Sportwelt für sich entdeckt haben, änderten in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Sporthilfe sogar ihr Bewerbungsverfahren. Sie richteten die sogenannte Kennwort-Bewerbung ein, um Chancengleichheit zu wahren. Die Recruiter kennen dadurch die besonderen Umstände, wenn sie die Unterlagen eines Top-Athleten erstmals bewerten. „Wenn jemand nur ein Dreier-Abi hat, weil er schon als Jugendlicher täglich stundenlang trainiert hat“, erklärt Sascha L. Schmidt, Professor für Sport und Management in Düsseldorf, „wirkt sich das dann nicht nachteilig aus.“ Auch fehlende Praktika oder längere Studienzeiten werten viele Firmen bei Sportlern nicht mehr als Nachteil. Die Telekom, die Lufthansa, die Deutsche Bank, die Post und Mercedes-Benz haben die Kennwort-Bewerbung bereits eingeführt. Der Stuttgarter Automobilhersteller bietet zudem deutschlandweit auf Sportler zugeschnittene Ausbildungsplätze an.
Einen ehemaligen Spitzensportler im Unternehmen zu haben bringt Vorteile mit sich. „Doch Athleten müssen anders eingearbeitet werden, wenn sie neu in ein Unternehmen kommen“, sagt Schmidt, Leiter des Center for Sports and Management (CSM) an der WHU – Otto Beisheim School of Management. „Das muss Personalern und Vorgesetzten klar sein, damit es nicht zum Realitätsclash kommt.“ Trainingspläne, Wettkampftermine, Ergebnisse – die meisten Sportler kommen aus einem sehr strukturierten Umfeld. „Im Betrieb ist jedoch nicht immer alles planbar. Darauf sind viele Athleten nicht vorbereitet“, so Schmidt. Sie seien es zudem gewohnt, immer direkt Feedback zu bekommen: vom Trainer, ihrer Pulsuhr oder der Anzeigetafel am Schwimmbeckenrand. Im Berufsalltag könne eine Rückmeldung aber auch mal auf sich warten lassen, sagt der Wirtschaftsexperte. „Das erfordert eine gewisse Anpassungszeit und ein sensibles Umfeld.“

 

Umfrage unter deutschen Top-Athleten
Eine große deutsche Studie zeigt aber auch: Nicht alle Fähigkeiten, die einen Olympiasieger ausmachen, helfen ihm nach der Sportkarriere in der Wirtschaft. Es ist wichtig, Sportler-Stärken zu definieren. Sascha L. Schmidt hat mehr als 1000 deutsche Top-Athleten befragt und ihre Persönlichkeitsmerkmale mit denen von Fachkräften verglichen. Er stellte drei Bereiche fest, in denen Sportler Vorteile haben: Engagement, Disziplin und mentale Stärke. Alle drei sind in Unternehmen gefragt und wichtig für beruflichen Erfolg. „Dass ehemalige Athleten generell die Besseren im Job sind, kann ich so aber nicht bestätigen“, schränkt Schmidt ein. Schließlich könnten auch sie ihr Potenzial nur ausschöpfen, wenn die Position zu ihren Stärken passt. Und das hängt stark von der individuellen Persönlichkeit ab.
Katja Weber, die eher noch unter ihrem Mädchennamen Seizinger bekannt ist, spielt ihre Stärken heute als Aufsichtsratsvorsitzende der Badischen Stahlwerke und der Südweststahl AG aus. Im Jahr 1999 war die beste deutsche Skirennfahrerin aller Zeiten vom Sport zurückgetreten. 36 Weltcup-Siege und dreimal olympisches Gold lautet ihre stolze Ski-Bilanz. „Der Neuanfang nach einer erfolgreichen Sportlerkarriere erfordert Geduld“, sagt die heute 46-Jährige. Doch ihre Zielstrebigkeit und ihr Durchhaltevermögen seien bei ihrer zweiten Karriere nützlich gewesen. „Zudem habe ich als Sportler gelernt, mit Misserfolgen und Fehlentscheidungen umzugehen.“

 

Im Alleingang die dicksten Bretter
Ski-Legende Weber gehört für CSM-Direktor Schmidt klar in die Kategorie, die er Meister aller Klassen nennt. Der Wirtschaftswissenschaftler, der die erste Studie „Kollege Spitzensportler“ 2013 veröffentlichte und nun an einem zweiten, umfangreicheren Teil forscht, hat vier Sportlertypen herausgearbeitet. Die Meister aller Klassen, zu denen knapp 30 Prozent der Sportler zählen, sind laut Schmidt „ein goldenes Segment, das für jede Firma interessant sein dürfte“. Athleten der anderen drei Kategorien, die Schmidt und sein Team erstellt haben, sind ebenfalls überdurchschnittlich erfolgreich – sofern sie einen Job finden, der zu ihren Stärken passt. Viele, die etwa zu den Einzelgängern gehören, so der Wirtschaftsexperte, seien eben nicht unbedingt fähig, ein großes Team zu führen. „Doch sie können sich besonders gut durchkämpfen und im Alleingang die dicksten Bretter bohren.“
Von einem ganz anderen Schlag sind die Teamplayer, die laut Schmidt 28 Prozent ausmachen. Sie stellen ihre Mannschaft über alles. Im Beruf macht sie das bei Kollegen beliebt und ist in vielen Positionen von Vorteil – hat aber Tücken: „In der Wirtschaft steht der Einzelerfolg nicht immer hinter dem Teamerfolg“, so Schmidt. Den Teamplayern fehle oft die Kaltschnäuzigkeit, um sich im Machtgefüge hierarchisch geführter Unternehmen zu behaupten. Das Gegenstück des Teamplayers ist nach Schmidts Erhebungen der Kämpfer. Nur 16 Prozent der Sportler gehören in diese Kategorie – beispielsweise Profiboxer wie Henry Maske oder Vitali Klitschko. Nicht nur, weil sie sich im Ring durchgeboxt haben, sondern wegen ihres beruflichen Erfolgs: Maske betreibt heute als Franchise- Unternehmer zehn McDonald’s-Filialen und führt rund 350 Mitarbeiter. Klitschko hat in der Ukraine die Partei UDAR gegründet und ist amtierender Bürgermeister der Hauptstadt Kiew.

 

Führungsvorbild Fußball
Neben Personalern sollten sich auch Führungskräfte stärker damit auseinandersetzen, welcher Mitarbeiter in welcher Position am besten aufgehoben ist, mahnen Experten an. Wolfgang Jenewein rät, sich an Fußballtrainern zu orientieren. Der Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen in der Schweiz ist überzeugt: „Was die Führungskultur betrifft, sind Fußballteams unseren Unternehmen um fünf Jahre voraus. Mindestens.“ Großkonzerne wären erfolgreicher, wenn ihre Führungskräfte mehr wie Fußballtrainer handelten und sich wie ebenjene als Vollzeit-Leader verstünden. „Chefs verbringen viel zu wenig Zeit mit Führen“, so der 49-jährige Jenewein. „Zu 85 Prozent erledigen sie andere Dinge. Ein Fußballtrainer dagegen ist viel bemühter darum, jeden Tag die Mannschaft besser zu machen.“ Er schaue lieber, wer ins Team passe und welche Aufgabe er dort mit seinen Stärken am besten erfüllen könne – statt selbst die Stollenschuhe zu schnüren und Tore zu schießen.
Das Konzept des Spielertrainers, also eines Coaches, der selbst mitspielt und Tore erzielt, war lange nichts Ungewöhnliches. Doch je professioneller der Sport wurde, desto eher erkannten die Verantwortlichen: Ein Team hat mehr Erfolg, wenn der Trainer an der Seitenlinie steht und seine gesamte Energie in das Führen der Mannschaft steckt. Wenn er motiviert, inspiriert, Konflikte löst, Leidenschaft erkennt und Möglichkeiten schafft, statt mitzuspielen. Jenewein ist sicher: „Für die Wirtschaft schlummert in diesem Gedanken ein Riesenpotenzial. Unternehmen, die das wachküssen, können sich jede Restrukturierungsmaßnahme sparen.“

 

Meutern auf dem Segelboot
Auch der Professor aus der Schweiz ist überzeugt, dass ehemalige Spitzensportler in einer zweiten Karriere von ihren speziellen Fähigkeiten profitieren. Sie könnten nicht nur besser mit Niederlagen umgehen, sondern hätten ein besseres Bewusstsein für die eigene Verantwortung, so Jenewein: „Während sich viele Arbeitnehmer gern beklagen, über den Chef schimpfen und die Schuld bei anderen suchen, haben Sportler schon als Kind gelernt, dass sie selbst die bewegende Kraft sind. Und dass sie nicht passiv werden dürfen, wenn sich etwas ändern soll.“ Was Sportler außerdem wissen: Wer vorankommen will, braucht Ziele. „Leider gibt es wenige Chefs, die das aktiv fördern“, so Jenewein. „Ein Fußballtrainer versucht vor jedem Spiel, inspirierend und motivierend aufzutreten und seiner Mannschaft das Warum zu erklären. Doch in Unternehmen ist es oft wie auf einem Segelboot: Das Boot ist toll, das Team ist toll, aber leider fehlen der Wind und eine klare Richtung, und die Leute beginnen zu meutern.“
Dass viele Chefs so sind, wie sie sind, liege kaum an ihnen selbst, meint Jenewein. Die Strukturen seien schuld – schließlich sei der Grund für eine Beförderung meist das Fachwissen und nicht ein ausgeprägtes Interesse an Menschen. „Wir müssen Geduld haben mit unseren Führungskräften“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler. „Wenn Unternehmen in Zukunft nicht nur auf Ingenieurskunst setzen, sondern auf Kulturentwicklung und ein Mitdenken auf allen Ebenen zulassen, sehe ich riesige Chancen.“

Schwäbische Zeitung: Häufige Sportverletzungen

Sport birgt immer auch ein Verletzungsrisiko. Was nach einem Unfall zu tun ist und wie Sie wieder auf die Beine kommen

von Sina Horsthemke

 

Ein unbedachter Schritt beim Joggen, ein Zusammenprall auf dem Fußballplatz, ein Sturz vom Rad: Unfälle beim Sport passieren schnell. Mehr als 4.000 Sportler verletzen sich Schätzungen zufolge jeden Tag in Deutschland. Ein Drittel der Schäden erleidet das Sprunggelenk, jede fünfte Verletzung betrifft das Knie. Vor Unfällen ist fast kein Sportler gefeit: Nur gut jeder vierte hat sich noch nie etwas getan.

Orthopäde Dr. Peter Schäferhoff ist Mannschaftsarzt des 1. FC Köln. Er kennt die klassischen Fußball-Schäden – Meniskusverletzungen, Kreuzbandrisse und Zerrungen hat er schon zuhauf behandelt. Obwohl das Kreuzband das Knie stabilisiert, muss es bei einem Riss nicht immer auf dem OP-Tisch geflickt werden, sagt der ärztliche Direktor der Kölner MediaPark Klinik. „Ist jemand älter als 60 und sitzt in seiner Freizeit eher auf dem Sofa, dann macht sein Knie das mit.“ Es seien auch die Ambitionen des Sportlers, die mit darüber entscheiden, wie seine Verletzung zu behandeln ist.

 

Früher mit Gips im Krankenhaus

Entscheiden sich Arzt und Patient für eine Operation, schneiden Ärzte heute so wenig wie möglich und operieren so schonend, dass der Sportler bald wieder auf die Beine kommt. Meist beginnt bereits am Tag danach der Wiederaufbau mit Physiotherapie. „Früher lagen die Leute nach einer Kreuzband- OP sechs Wochen lang eingegipst im Krankenhaus“, erzählt Schäferhoff.

Am Klinikum Osnabrück operiert sein Kollege Prof. Dr. Martin Engelhardt zahlreiche Sportlerknie. Der Chefarzt der Klinik für Orthopädie, Unfall- und Handchirurgie hat es aber auch mit Überlastungsverletzungen zu tun und behandelt etwa die Knorpelschäden oder Achillessehnen von Langstreckenläufern und Triathleten, die sich im Training übernommen haben. „Sehnen und Knorpelgewebe brauchen Zeit, um sich an sportliche Belastungen zu gewöhnen“, so der Unfallchirurg. Deshalb sollten gerade Ausdauersportler den Trainingsumfang nur langsam steigern. Ein bis zwei Jahre Training empfiehlt Engelhardt zum Beispiel jenen ab 40, die einen Marathon laufen möchten.

Wer das nicht beherzigt, riskiert etwa eine Achillessehnenentzündung. Deren Heilung ist langwierig und dauert mit der richtigen Therapie „so lange, wie der Sportler die Beschwerden schon hatte“, sagt Engelhardt, der exzentrisches Krafttraining und Stoßwellentherapie zur Behandlung empfiehlt.

 

Schulter in Gefahr

Jeder dritte Deutsche liebt das Radfahren. Statistisch gesehen ein sicherer Sport: Während 1.000 Stunden Radfahren kommt es lediglich zu zwei Verletzungen. Das ist viermal weniger als beim Fußballspielen entstehen. Am häufigsten sind Schürfwunden und Prellungen durch Stürze vom Rad, aber auch die Schulter ist gefährdet: Die Schultereckgelenkssprengung gehört zu den häufigsten Radfahrerverletzungen. Das Gelenk verbindet Schulterblatt und Schlüsselbein und ist in Gefahr, wenn ein Radfahrer auf die Seite fällt. „Dann können die Bänder des Schulterdachs reißen“, erklärt Wolfgang Nebelung, Chefarzt der Sport-orthopädie am Marienkrankenhaus Kaiserswerth in Düsseldorf. Der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie hat schon viele Schultern operiert, um das Gelenk wieder in die korrekte Position zu bringen. Acht Woche nach dem Eingriff sei die Schulter „wieder belastbar“, für Wettkampfsport tauge sie frühestens nach drei Monaten wieder.

Kommt es beim Sport zu einem Unfall, sind Athleten in der Regel mit der PECH-Regel gut beraten. Sie ist die Erste-Hilfe-Regel für Sportler und steht für: Pause, Eis, Compression, Hochlegen. Der Verletzte sollte die Belastung abbrechen, die lädierte Stelle kühlen, einen Druckverband anlegen und den Körperteil hochlegen. Dies verhindert Schwellungen und lindert Schmerzen. Danach braucht es vor allem Zeit, um eine Verletzung ausheilen zu lassen. Damit dabei nicht zu viele Muskeln schwinden, empfehlen sich gelenkschonenden Sportarten wie Aquajogging. Und das Trainieren der unverletzten Seite: Studien belegen einen „Cross-over-Effekt“, von dem auch die Muskeln der verletzten Seite profitieren.

 

Angst erhöht das Risiko

Wie verletzungsanfällig ein Sportler ist, hängt viel von seiner Fitness ab – und auch von seinem Erbgut: Möglicherweise könnte ein Gen, das die Kollagenproduktion ankurbelt, das Risiko von Bänderrissen und Sehnenreizungen verringern. Ein anderes könnte die Heilungsdauer beeinflussen, vermuten Forscher. Was ebenfalls wissenschaftlich erwiesen ist: Die Angst vor Verletzungen führt zu Unfällen.

Nicht jeder Unfall lässt sich verhindern, vorbeugen können Sportler der einen oder anderen Verletzung aber schon: Indem sie ihr Training klug aufbauen, sich realistisch einschätzen und die Belastung langsam steigern. Eine gute allgemeine Fitness, eine saubere Technik und gründliches Aufwärmen tragen zum Verletzungsschutz bei. Sinnvoll ist ebenso, bei Beschwerden – und damit drohenden Überlastungsschäden – frühzeitig einen Physiotherapeuten oder Trainer um Rat zu fragen. Beide können Schwachstellen finden und Übungen zeigen, die muskuläre Defizite wirksam beheben.